Leserbrief

Muttertag

Schenken nur aus Dankbarkeit, nicht aus Pflichtgefühlen

Zum Geistlichen Wort „Gedanken zum Muttertag“ im BA vom 12. Mai

Ich habe meiner Mutter zum Muttertag immer unfreiwillig Danke gesagt, weil ich die moralischen Schuldgefühle des Vorwurfes „Du musst der Mutti dankbar sein“ vermeiden wollte.

Damit war mit 20 Schluss. Denn ich hörte erstmals vom Gewissen als Über-Ich und vom Gewissen als Ich-Instanz. Mir war klar: Seit meinem 13. Lebensjahr gehe ich ohne Mutterhilfe eigene Wege – erfolgreich manchmal, manchmal beglückend, oft mühsam. Die Hoffnung auf ein besseres Morgen hilft mir, die Naturerlebnisse geben mir neue Kraft, der Jesus-Satz „Steh auf, nimm deine Bahre in die Hand und geh!“ hilft mir, ohne Selbstmitleid das Beste aus einer Sache machen zu wollen. Und dass meine Frau mich immer noch liebt, hilft mir bei allem sehr. Aber gehen muss ich alleine.

Und so kluge Sätze aus dem Philosophie-Buch („Weg mit Schaden“, „Geh den Dingen auf den Grund“) haben mir weder meine Mutter noch mein Vater gesagt, denn die haben nur viel gearbeitet und waren öfter mit ihren Arbeitszielen an ihren Fähigkeitsgrenzen, und manchmal war meine Mutter überfordert – wie ich es auch mit einigen Problemen bin. Dass ich dann bewusst eine mehrstündige Auszeit mit dem Fahrrad nehme, ist eine Strategie, die sich notgedrungen aufdrängte. Ich verdanke es der Zufallswelt: Manchen fällt es zu, manchen nicht.

Liebe an Kinder weiterreichen

Aus all dem habe ich meinem Sohn den Satz gelehrt: „Die Liebe, die du von den Eltern erfährst, ist an deine Kinder weiterzugeben und nicht als Liebe den Eltern wiederzugeben.“ Aber man kann die Elternliebe, wenn sie reichlich da war, nicht heimzahlen: Die Schuld wäre zu groß und würde unfrei machen.

Ich besuche meine Mutter fast wöchentlich im Altenpflegeheim. Und ich pflege das Grab meines Vater. Nicht aus Liebe, sondern aus Notwendigkeit und weil es gebraucht wird, dass man sich kümmert. Liebe ist etwas anderes als unangenehme moralische Pflicht. Manchmal fallen sie zusammen.

Am Sonntag war ich beim Bäcker, ein Baguette holen. Vor mir stand eine kleine Erdbeertorte mit einem Marzipan-Logo „Zum Muttertag“. Ich wollte die Torte binnen einer Hundertstelsekunde kaufen. Danke damit wollte ich meiner Frau sagen, weil sie ihre Kinder so liebte und ihre Enkel so liebt, dass Josi oft zu mir sagt: „Caroli ist meine beste Freundin. Und dich habe ich nicht so lieb wie die Caroli.“ Ich freue mich so sehr über die besondere Beziehung von Josi zu meiner Frau und wundere mich, dass es überhaupt so etwas Ehrliches gibt.

Bleibt die Frage: Soll man Muttertagsgeschenke machen? Gibt es nicht viele Väter, die sich genauso liebend um Kinder kümmern – vor allem heute, da Frauen zunehmend auch beruflich ihren Mann stehen? Und sind nicht manche Muttertagsgeschenke ein Alibi für die bestehende Männerbequemlichkeit?

Meine Antwort: So wenig, wie ich meine Frau mehr liebe, wenn ich ihr ein Geschenk mache, so wenig gebührt den Müttern heute mehr Dank als den Vätern. Aber dennoch schenke ich meiner Frau manchmal etwas. Und so kann ich einer Mutter an Muttertag etwas schenken, der es wirklich zusteht. Denn man drückt im Geschenk nur aus, was man sonst auch empfindet: Liebe und Dankbarkeit. Und deshalb schenkt man einem Menschen etwas. Wenn Liebe nichts Besonderes ist, sind es auch Geschenke nicht.

Stefan Link

Lorsch

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