Leserbrief

Nahverkehr

Schülerbeförderung als Ursache für mehr Corona-Fälle?

„Schüler, Busse und Corona“, BA vom 28. August, „Die Schulbusse sind teilweise proppenvoll“, BA vom 1. September, „Kreis will in der Corona-Krise mehr Schulbusse einsetzen“, BA vom 2. September

Die Ferien sind zu Ende. In den Schulbussen zeigt sich wieder das altbekannte Bild dicht gedrängter Schüler, das jeder aus der Zeit vor der Pandemie kennt. AHA-Hygienekonzept gilt überall – nur im Schulbus gilt es nicht. Ist es nur ein Zufall, dass die Neuinfektionszahlen gestiegen sind seit dem Schulbeginn?

Schüler kommen täglich dicht gedrängt in Bussen zu den Standorten der weiterführenden Schulen. Zwar haben Kreis-, Landes- und ebenso Bundeselternräte in zurückliegenden Jahren Schulprojekte wie Schulweg- und Busbegleitung auf den Weg gebracht, dabei für eine tatsächlich verantwortungsvolle und verkehrssichere Schülerbeförderung zu sorgen, ist ihnen bisher nicht gelungen.

Wie oft haben sich Eltern für mehr Verkehrssicherheit von Schülern eingesetzt. Jahrelang wurden sie und ihre Kinder bei polizeilichen Kontrollen, beantragt durch die Verantwortlichen beim Kreis, enttäuscht und getäuscht. Übervolle Busse oder doch nur „gefühlt“ übervoll? Dabei ist die gesetzliche Grundlage gegeben, für eine angemessene Verkehrssicherheit in der Schülerbeförderung Sorge zu tragen. Allerdings unterliegt die Umsetzung rein dem politischen Willen und kostet Geld.

Es handelt sich um den Paragrafen 34a, Absatz 1 und 2 der Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO). Er besagt in Absatz 1, dass die maximal zulässige Platzzahl von acht Personen pro Quadratmeter im Bus als Obergrenze einer technischen Nutzlast zu verstehen ist, die für die Beförderung von Schülern schon aufgrund ihres Gepäcks unsinnig ist.

Deshalb gibt das Gesetz mit Absatz 2 dem Schulträger und dem Regierungspräsidium als Genehmigungs- und Aufsichtsbehörde die Möglichkeit, die maximal zulässigen Platzzahlen in den Bussen so zu vermindern, dass den Fahrgästen (zu 99 Prozent Schüler) nicht nur eine „menschenwürdige“, sondern auch „verantwortbare Verkehrssicherheit in der Beförderung“ garantiert werden kann. Das bedeutet den Einsatz zusätzlicher Busse – und die kosten Geld.

Genügend Bus-Kapazität schaffen

Als im Schuljahr 2006/2007 der Druck durch die „Elterninitiative Schülerbeförderung Lorsch-Einhausen“ in der Öffentlichkeit auf die Kreisverantwortlichen derart wuchs, war das Ergebnis, nicht nur den zusätzlich für die Linie 641 Einhausen-Lorsch-Bensheim geforderten sechsten Bus zu finanzieren, sondern der damalige Schulträger (Landrat Matthias Wilkes) orderte gleich elf weitere Busse unter „Schülerbeförderung plus“ für den Kreis Bergstraße mit.

Wie viele dieser damals insgesamt zwölf zusätzlichen Busse auch heute (13 Jahre später) tatsächlich noch im Einsatz für die Schülerbeförderung sind, ist fraglich. Dabei ist gerade zur Zeit der Corona-Pandemie die Versorgung mit genügend Buskapazität zwingend erforderlich. Recht schnell kann dieses Virus die Schülerbeförderung zum Hauptrisikofaktor einer zweiten Infektionswelle an Schulen machen – oder ist das schon passiert?

Das Virus nutzt jede Gelegenheit

All die schönen Hygienekonzepte in den Schulen sind sinnlos, wenn Schüler in Bussen weiterhin dicht gedrängt befördert und Hygieneregeln im Bus außer Kraft gesetzt werden. Kretschmann (Ministerpräsident in Baden Württemberg) hatte recht: „Das Virus versteht keinen Spaß!“ Es nutzt jede Gelegenheit zur Ausbreitung und Vermehrung.

Manche Eltern glauben, sie könnten ihre Kinder schützen, in dem sie per Mama-Taxi die Beförderung zur Schule übernehmen. Das hilft ihren Kindern nur scheinbar. Schüler, die auf dem Weg zur Schule nicht infiziert werden, haben in der Schule trotzdem ein erhöhtes Risiko, wenn sich die Klassenkameraden im übervollen Bus infiziert haben.

Das Virus wird sich wohl kaum an die Regel halten: „Im Bus gelten auch für mich andere Regeln als in der Schule!“ Ganz im Gegenteil müssten in den Bussen strengere Hygienekonzepte gelten als in der Schule, denn im Bus werden die Schüler – unabhängig von ihrer Lerngruppe – täglich neu gemischt.

Abhilfe schaffen könnten unterschiedliche Unterrichtsbeginn- und -endzeiten an den verschiedenen Schulen. Sie würden die Schüler der verschiedenen Schulen bereits auf dem Schulweg von einander trennen und den mehrfachen täglichen Einsatz der Busse ermöglichen.

Lösungsvorschlag: Da bei allen strittigen Punkten, die in den aktuellen Artikeln des BA zur Schülerbeförderung aufgeführt sind, eine kurzfristige Lösung nicht realistisch erscheint, habe ich folgenden Vorschlag: Der Kreis erarbeitet gemeinsam mit allen weiterführenden Schulen bis zum Ende der Herbstferien ein neues Konzept für die Schülerbeförderung. Grundlage hierfür müssen sein: unterschiedliche Unterrichtsbeginn- und -endzeiten, die Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden geeigneten Busse, ebenso die Zahl geeigneter Busfahrer.

Ziel des Konzepts: Unseren Kindern die sicherst mögliche Beförderung zur Schule und auch wieder nach Hause zu ermöglichen. Ein Konzept also, das ohne Mama-Taxi zu realisieren ist.

Kornelia Dolle

Lorsch

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