Leserbrief

Tierrettung

Schwäne wanderten von den Tongruben zur Erlache

„Schwanenfamilie auf der Autobahn gerettet“, BA vom 22. Juli

Es ist für uns alle erfreulich, dass die Höckerschwan-Familie nicht dem Autobahnverkehr zum Opfer gefallen ist und dass Feuerwehr und Tierrettung den Tieren helfen konnten. Was allerdings mit Menschenaugen als ein Verirren angesehen wurde, ist für den Vogelkundler ein ganz natürliches Verhalten, das für Gänse- und Entenarten sowie für Schwäne typisch ist: Die Schwanenfamilie hat sich nicht verirrt, sondern ist auf ihrer Wanderung zum Erlachsee auf ein künstliches Hindernis in Form der Betonleitplanke auf der Autobahn gestoßen, das sie nicht überwinden konnte.

Gebrütet haben die Schwäne auf dem Jägerteich im Naturschutzgebiet Tongruben östlich der Autobahn. Dort haben ihre fünf Jungvögel auch die erste Zeit zugebracht. Als aber dort der Wasserstand sank und die Nahrung für die sieben großen Vögel knapp wurde, sind sie ausgewandert auf ein größeres Gewässer, wo sie sich ausbreiten können und Schutz vor Feinden wie Füchsen, Hunden und anderen finden.

Zu dieser Zeit waren die Jungen noch nicht flugfähig. Daher musste die Vogelfamilie zu Fuß aufbrechen. Für die Altvögel ist die Autobahn kein Hindernis, sie überfliegen sie. Für die Jungvögel ist sie dagegen ein unüberwindliches Hindernis, wenn ihnen dabei nicht Menschen zur Hilfe kommen.

Heute brüten neben Höckerschwänen verschiedene Gänsearten und Stockenten in den Bensheimer Gebieten beiderseits der Autobahn und der teils autobahnmäßig ausgebauten Bundesstraßen. Ihre Brutplätze liegen versteckt und werden oft erst bemerkt, wenn die Jungen geschlüpft sind und als Nestflüchter sofort von den Eltern auf die Weide geführt werden. Der erste Weg führt dann zu dem nächsten größeren Gewässer.

Heute haben die Menschen die Natur weitgehend ihren Ansprüchen unterworfen und umgestaltet. Viele Tierarten stoßen daher bei ihren natürlichen Wanderungen auf Hindernisse und drohen auszusterben. Wir Menschen haben aber Wissen und Verstand, um den Tieren zu helfen – etwa durch Grünbrücken, Amphibientunnel unter Straßen, das Wolfsmanagement oder Nisthilfen an gedämmten Gebäuden. Bei unseren Gänsen, Schwänen und Enten genügt schon ein kurzes Ausbremsen des Verkehrs durch die Polizei, und das nur einmal im Jahr zur Brutzeit dieser Vögel.

Übrigens muss man dazu die Tiere nicht einfangen. Es genügt, das Elterntier zu einem Durchlass an der Mittelleitplanke zu drängen. Der Rest der Vogelfamilie folgt ganz von selbst.

Es ist ein Unding, dass es an den Betontrennwänden der Autobahnen so gut wie keine ausreichenden Durchlässe für Wildtiere gibt. Diese Betonwände sind zu Todesfallen für zahllose Tiere geworden. Wenn schon überall sehr viel Geld für den Ausbau der Straßen ausgegeben wird, sollte wenigstens etwas für rettende Wildtierpassagen übrig sein.

Stephan Schäfer

Nabu Bensheim/Zwingenberg

Bensheim

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