Leserbrief

Sterbehilfe

Schwerstkranke haben ein Recht auf Selbstbestimmung

„So wie jetzt kann es nicht weitergehen“, BA vom Dienstag, 23. Juni

Jochen Taupitz, der Mannheimer Jurist und Medizinethiker, legt mit drei Kollegen einen Vorschlag für ein neues Gesetz vor. Das ist längst überfällig, denn die vielen sterbenskranken Menschen warten seit langer Zeit – wenn sie inzwischen nicht schon gestorben sind – auf Entscheidungen.

Michael de Ridder gehört zu den Ärzten, die die unwürdigen Bedingungen des Sterbens im Krankenhaus nicht länger mitansehen wollen. In einem Buch schreibt er: „Die ärztliche Ethik verwehrt etwas, das strafrechtlich und verfassungsrechtlich zulässig ist – bei einer Patientin zum Beispiel, die nach einem Unfall vom Kopf abwärts gelähmt und völlig gefühllos ist. Sie wollte, dass die Beatmung abgestellt wird, aber das hat man verweigert. Sie kann selbst nichts mehr anfassen, nichts mehr tun, und das Leben würde ohne Hochleistungsmedizin nicht mehr stattfinden. So will sie nicht leben für die nächsten 30 Jahre, kann es aber aus eigener Kraft nicht beenden. Das Leiden wird künstlich verlängert von Ärzten aufgrund ärztlicher Ethik.“

Ein empfehlenswertes Buch

Das Buch von M. De Ridder „Wie wollen wir sterben“, ist zu empfehlen. Meine Meinung zum Thema ist: Die Bundesärztekammer, die Kirche u und andere sind dabei, das Urteil zur „Sterbehilfe in Deutschland“ auszuhöhlen. „Auf der einen Seite steht das Recht eines jeden, sein Leben selbstbestimmt zu beenden, aber ...“, so Jochen Taupitz. Dazu meine ich: Kein „Aber“, sondern Punkt.

Die Würde des Menschen, sein Recht auf Selbstbestimmung, muss gerade bei schwerstkranken Menschen respektiert und gewahrt werden. Viel zu oft setzen sich Ärzte über den Willen des Patienten und Angehörigen hinweg, tun alles, was medizinisch und technisch möglich ist, und tragen so zur qualvollen Sterbeverzögerung bei – zuhause, in Kliniken, in Pflegeheimen.

„Zuhause“ wollen die meisten Menschen sterben – in Würde, ohne Schmerzen – und sie haben seit 2007 auch einen gesetzlichen Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung, aber nach wie vor sterben sie einsam in Krankenhäusern, Hospizen und Pflegeheimen, weil es keine ausreichende ambulante Palliativversorgung „zuhause“ gibt. Es fehlen gut ausgebildete Palliativ-Mediziner, Pfleger und Schmerzmittel – und das seit vielen Jahren.

Kommerzielle Interessen stehen zu oft im Vordergrund – und zwar sowohl bei Ärzten, in Kliniken als auch in Pflege- und Altenheimen – und nicht der leidende, sterbenskranke Mensch.

Im Grundgesetz steht, die Würde des Menschen sei das höchste Gut, aber Menschen, die leiden, sie kriegen nicht mal ihr gesetzliches Recht durch, „zuhause“ sterben zu dürfen, was sie als mündige Bürger selbst entscheiden wollen – vor allem wann und wie.

Im Stich gelassen

Es ist einfach skandalös, wie schwerkranke Menschen im Stich gelassen werden; insbesondere die, die bereits seit langem ein „Betäubungsmittel“ zur Selbsttötung beantragt haben. Es ist traurig, dass sie das müssen; aber noch trauriger ist, dass Politiker wie Jens Spahn die Anweisung an das zuständige Bundesinstitut geben, sämtliche Anträge abzuweisen, obwohl das Bundesverwaltungsgericht 2017 ein Urteil gesprochen hat. Mittlerweile sind ganz sicher einige der Antragsteller qualvoll verstorben.

Wer entscheidet, wie lange tägliche Schmerzen und/oder ständige qualvolle Luftnot zu ertragen sind? Die Politiker und die Gesellschaft, haben es zu respektieren, wenn ein unheilbar Kranker selbstbestimmt sterben möchte, weil er es nicht mehr aushält.

Nicht nur das. Dieser Mensch muss jede Hilfe und Unterstützung erhalten, die er wünscht und braucht – gerade am Ende seines Lebens.

Ohne Schmerzen einschlafen

Das Betäubungsmittel-Gesetz verbietet es jedoch, dass Mittel bereitgestellt werden dürfen zum Zweck des Suizids. Das muss sofort geändert werden. Wie lange sollen leidende Menschen noch warten?

Ärzte und Angehörige sowie nahe stehende Personen sollten Beihilfe zum gewünschten Suizid leisten, damit der sterbenskranke Mensch ohne Schmerzen und ohne Atemnot ruhig einschlafen kann.

Monika Happle

Bensheim

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