Leserbrief

Corona-Pandemie

So viel Einsicht und Solidarität können wir aufbringen

„Unverhältnismäßige Maßnahmen der Bundesregierung“, BA-Leserforum vom Donnerstag, 30. April

Die Einschränkungen, mit denen wir Bürger infolge der weltweiten Corona-Pandemie leben, teilen wir mehr oder weniger mit vielen anderen Menschen auf der ganzen Welt. Und überall sind die staatlichen Maßnahmen ähnlich. Hier zeigt sich offensichtlich eine weltweit einvernehmliche Einschätzung der Sachlage.

Wer Freunde, Kollegen oder Familie außerhalb Deutschlands hat, wird sicher bestätigen können, dass das Coronavirus keine auf Deutschland begrenzte Erscheinung ist und dass es jeden treffen kann. Auch so heftig, dass man die Infektion nicht überlebt. Opfer kann man selbst dann sein, wenn man nicht zu einer Risikogruppe gehört.

Die Risikogruppen sind laut RKI:

ältere Menschen mit und ohne Grunderkrankungen,

Menschen mit Grunderkrankungen wie Herzkreislaufstörungen, Diabetes, Atemwegserkrankungen, Leber-, Niere- oder Krebserkrankungen – unabhängig vom Alter,

Menschen mit unterdrücktem Immunsystem,

Menschen, die Medikamente einnehmen, die die Immunabwehr unterdrücken (zum Beispiel Cortison) und, nicht zu vergessen,

die Raucher.

Der Anteil unserer Bevölkerung, der zu einer dieser Risikogruppen gehört, ist enorm hoch. Nach Einschätzung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) haben 21,9 Millionen Deutsche eine relevante Vorerkrankung – jeder vierte Bürger. Vielleicht auch Sie oder ich ... Somit stehen wir alle in enorm hoher Verantwortung füreinander.

Niemand wird so zynisch sein und sich selbst wichtiger als alle anderen Mitmenschen nehmen. Der Autor des Leserbriefs schreibt: „Die Einschränkung der Grundrechte können von keinem wahren Demokraten akzeptiert werden, schon gar nicht auf der Grundlage eines Virus, das letztlich nicht gefährlicher ist als eine durchschnittliche Grippe, wie wir sie jedes Jahr haben.“ Aber: Gegen die Grippe haben wir einen Impfstoff, gegen Corona nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Und auch das Ausmaß der Folgen der Covid-19 Erkrankung ist noch nicht absehbar. Nach einer coronabedingten Lungenentzündung kann die Lungenfunktion bleibend eingeschränkt sein. Auch andere Organe wie das Herz können geschädigt werden. Die Beatmung kann ebenfalls Folgeschäden nach sich ziehen.

Covid-19 ist eine neuartige Erkrankung – die Forschung steht am Anfang. Die Wissenschaft verzichtet auf ungesicherte Aussagen. Gut so. Was ist zu tun, wenn man weiß, dass man keine sicheren Verhältnisse und Entwicklungen vorhersagen kann? Richtig – man lässt Vorsicht walten. Das ist die Empfehlung der Fachleute. Und die Politik hält sich einsichtig an diesen fachlich gebotenen Weg. Zu unser aller Schutz.

In Deutschland können Grundrechte durch das Infektionsschutzgesetz eingeschränkt werden. Die Notwendigkeit solcher Gesetzgebung ist in Deutschland kein Novum – dem Reichsseuchengesetz aus dem Jahr 1900 folgte 1961 das Bundes-Seuchengesetz. Dass die Bevölkerung vor gefährlichen Infektionen geschützt werden muss, stellt sicher niemand infrage.

Selbst in Deutschland ist die Infektion mit dem Coronavirus bisher kaum beherrschbar. Die Medizin ist gerade mal erste Schritte auf dem Forschungsweg unterwegs, die Materialversorgung ist zusammengebrochen und die Zahl der viel zu wenigen Pflegefachkräfte wird durch Erkrankung mit dem Coronavirus noch zusätzlich dezimiert. Fachkräfte sind rar. Wir sollten wirklich achtsam mit dieser wertvollen Ressource umgehen.

Es wird also niemand von den behandelnden und pflegenden Fachkräften erwarten, dass sie ungeschützt Corona-Infizierte versorgen, zumal auch unter ihnen nicht wenige sind, die selbst Risikogruppen angehören.

Wer gesehen hat, in welcher schweißtreibenden Schutzmontur Corona-Infizierte behandelt werden müssen und wie viel Fachpersonal hier für einen Patienten gebunden ist, wird nachvollziehen können: Je mehr Corona-Infizierte gleichzeitig erkrankt sind, um so mehr müssen gleichzeitig behandelt werden. Und das bindet enorm viel Personal – so dass die Behandlung anderer Patienten zurückgestellt werden muss. Wer kann das wollen?

Wir Bürger sind uns einig, dass alle Patienten versorgt werden sollen. Wehe, wenn wir gezwungen wären, eine Auslese zu treffen. Unser Grundgesetz garantiert, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Dazu gehören auch die alten Menschen, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut und zur Blüte gebracht haben. Sie sollen geachtet und gesund auf ihrem Lebensweg bleiben.

Wir wertschätzen die Leistung unserer medizinisch-pflegerischen Fachkräfte. Wir wollen sie keinesfalls gefährden.

Wir sind ehrlich und geben zu: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Selbst Fachleute sagen das – heldenhaft bescheiden.

Darum stimmen wir als verantwortungsbewusste Bürger den coronabedingten Einschränkungen zu. Dieses Maß an Einsicht, Umsicht und Solidarität können wir aufbringen. Ganz sicher.

Susanna Heidenreich

Zwingenberg

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