Leserbrief

Berufliche Bildung

Unser System der Ausbildung ist das beste in Europa

Deutschland ist in Europa Spitzenreiter der allgemeinen beruflichen Bildung. Das behaupte ich, weil ich selbst jahrelang am Sektoralen Sozialdialog in Brüssel verantwortlich teilgenommen habe. Wenn wir heute in der Bundesrepublik eine so niedrige Jugendarbeitslosigkeit vorfinden, so ist diese – abgesehen von der Konjunktur – dem breit angelegten, allgemeinen Berufsbildungssystem zu verdanken.

So wichtig die akademischen Berufe für den Staat sind, so bedeutungsvoll ist daneben das bewährte duale Ausbildungssystem. Deutschland ist mit dem Letzteren deshalb so erfolgreich, weil hier ein breites, für alle Bildungsschichten relevantes Berufsangebot zur Verfügung steht.

Bedeutung des Handwerks

Dass hier gerade dem deutschen Handwerk eine besondere Bedeutung zukommt, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Positiv wirkt sich hier noch aus, dass zunehmend Aufstiegsmöglichkeiten in Verbindung mit der akademischen Bildung entstehen und somit höhere Abschlüsse möglich sind.

Trotzdem bleibt im Handwerk die Meisterprüfung die starke Säule einer qualifizierten Ausbildung. Die hier gelehrte Fachkompetenz, Praxis, wie Theorie, die Betriebswirtschaft und Pädagogik, sind die Voraussetzung für eine spätere, erfolgreiche Selbstständigkeit und Lehrlingsausbildung.

Es fehlt die Anerkennung

Was zu wünschen übrig lässt, das ist die tatsächliche Anerkennung durch die verschiedensten Länder Europas. Vor allen Dingen die Länder, welche keine geregelte Berufsausbildung durchsetzen und folglich die meisten arbeitslosen Jugendlichen aufweisen, verhinderten – zumindest in der Vergangenheit – durch ihr Veto zu positiven Veränderungen die Übernahme unseres Erfolgskonzeptes.

Ich vermute, dass diese sich durch unser kontinuierlich wachsendes, auch umfangreiches Angebot, überfordert fühlen. Die Folge war beispielsweise: Die in der Berufsbildung zurückgebliebenen Länder der EU sind vorrangig daran schuld, dass 2004 die Handwerksordnung aufgeweicht wurde und zahllose Betriebe ohne Meisterqualifikation eröffnet werden konnten. Die Erfahrung zeigt mittlerweile, dass der größere Teil der Minibetriebe dauerhaft wirtschaftlich nicht lebensfähig ist und die Lehrlingsausbildung hier auch keine besondere Rolle spielt.

Fingerspitzengefühl gefragt

Sicher ist nichts so gut, als dass es nicht immer wieder der Zeit angepasst werden müsste. Doch unser Bildungssystem, welches dem anspruchsvollen Jugendlichen, aber auch dem theoretisch weniger Begabten, der vielleicht eine besondere „praktische Intelligenz“ besitzt, also für jeden Anspruch ein Angebot bietet, ist stabil und zukunftsorientiert.

Die derzeitige Diskussion um die Einbeziehung jugendlicher Ausländer in unser Ausbildungssystem ist somit auch mit besonderem Fingerspitzengefühl durchzuführen. Natürlich sollen diese ihrem jeweiligen Bildungsstand entsprechend integriert werden, nur nicht auf Kosten beziehungsweise der Reduzierung der Anforderungen unserer erfolgreichen Berufe.

Die Aktualität des deutschen Erfolgsrezeptes wird allerdings nur erhalten, wenn das duale System – Schule und heute auch die Hochschule – und Betrieb, in professioneller Weise, ihre zeitgemäßen Impulse durch die Verbände, dem Bundesinstitut für Berufsbildung und den Gewerkschaften bekommt und nicht durch zweifelhafte, unverantwortliche Entscheidungen der Politiker aus dem Gleichgewicht gebracht wird.

Alfred Preußner

Bensheim

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