Leserbrief

Schulpolitik

Verantwortung wird verlagert auf Lehrer, Eltern und Schüler

Wer hätte schon von einem Kultusminister, der bereits den vergangenen Sommer verschlafen hat, erwartet, er wäre ein Jahr nach Beginn der Pandemie fähig, intelligente Lösungen für die Schule zu finden?

Nichts Neues! Verantwortung wird grundsätzlich auf die letzten Glieder in der Kette: Schulleitungen, Lehrkräfte, Eltern und Schüler verlagert. Das ist auch in der Region zu spüren.

Bis zu 30 Personen in einem Raum

Man redet nach wie vor von Abschlussklassen, die beispielsweise im Falle von Gymnasien aus ganzen Jahrgängen von Erwachsenen bestehen, die man in unterschiedlichen Zusammensetzungen trotz aller Kontaktbeschränkungen mit bis zu 30 Personen in kleinen Unterrichtsräumen auf ihren Abschluss vorbereiten möchte.

Na prima! Die Aussage des Ministerpräsidenten „Es muss darum gehen, Kontakte zu senken“ hat keine große intellektuelle Reichweite. Zumindest wurde sie offensichtlich nicht vom Kultusminister erhört.

Plattformen längst vorhanden

Wer hätte gedacht, es gäbe mittlerweile ein Konzept, Klassen- und Kursteilungen für die Abschlussklassen vorzunehmen? Wer hätte gedacht, man hätte nach einem Jahr eine landesweite Unterrichtsplattform, mit der man guten Distanzunterricht umsetzen kann? Diese sind seit mindestens 15 Jahren auf dem Markt vorhanden.

Wer hätte gedacht, es gäbe mittlerweile ein Konzept für Covidtests für Schülerinnen und Schüler und deren Lehrkräfte? Wer hätte gedacht, man hätte mittlerweile Curricula und Prüfungsanforderungen den veränderten Bedingungen angepasst?

Wer hätte gedacht, es gäbe mittlerweile Konzepte, um durch die Pandemie besonders benachteiligte Schülerinnen und Schüler zu fördern?

Wer hätte gedacht, es gäbe eine vertretbare Lösung, um die Betreuung von jüngeren Schülerinnen und Schülern zu gewährleisten, deren Eltern arbeiten müssen?

Die Aussage „Sie können Ihre Kinder in die Schule schicken, müssen es aber nicht“ ist das Einzige, was den Herren Bouffier und Lorz nach einem Jahr des Nachdenkens dazu einfällt.

Lange Liste der Untätigkeiten

Die Liste der Versäumnisse und Untätigkeiten ließe sich beliebig fortsetzen.

Hätte man doch wenigstens aus anderen Bundesländern intelligente Lösungen übernommen! Ach ja, ich vergaß, das verbietet natürlich die Eitelkeit!

Vielbeschworener Bildungsauftrag

Mein Vorschlag für das Unwort des Jahres ist daher „Bildungsauftrag“. Noch nie wurde dieser Begriff von den Verantwortlichen so missbräuchlich verwendet wie in der Pandemie.

„Die Schule muss laufen, damit die Wirtschaft läuft“, ist ihr Credo. Umgekehrt würde ein Schuh daraus! Noch nie war vor der Pandemie der vielbeschworene Bildungsauftrag wichtig genug, um die Schulen zeitgemäß auszustatten und für guten Unterricht zu sorgen.

Ahnen wir nicht schon, wie es aussieht, wenn die Pandemie dereinst überwunden sein wird?

Joachim Bliemeister

Lorsch

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