Leserbrief

Erschossene Hunde

Vorurteile lassen sich besser brüllen als Fakten

„Freilaufender Hund im Wald erschossen“, BA vom 2. Dezember

Meggi war kein böser Hund: Mit diesen Worten beginnt der Bericht. Dass Meggi kein böser Hund war, das steht außer Frage.

Verfolgt man die öffentliche Berichterstattung und die einschlägigen Kommentierungen in den sozialen Medien, so sind diese nahezu ausschließlich geprägt von Halbwissen, Vermutungen und Unterstellungen, die sich je nach gefestigten Vorurteilen in Gruppen unterteilen lassen.

Was gibt es auch Schöneres, als die eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen. Da gibt es die selbst ernannten Tierschützer, für die alle Jäger erbarmungslose Tierkiller sind. Für diese Gruppe sind die genaueren Umstände auch völlig irrelevant und es besteht auch keinerlei Interesse an der Aufklärung. Eine Aufklärung des Sachverhaltes würde nämlich vielleicht dazu führen, dass das sorgsam gehegte Feindbild des monströsen Waidmanns, der wild um sich schießend durch sein Revier zieht und nur darauf wartet, ein Tier zu töten, in sich zusammenfällt.

Dann gibt es die Gruppe, die den Vorfall differenzierter sieht. Diese Gruppe ist, dies liegt in der Natur der Sache, in der Minderheit. Sie wird auch nicht wirklich wahrgenommen, denn Vorurteile lassen sich besser brüllen als Fakten.

Fakten und nicht Vermutungen sind jedoch die Basis jedweder vernünftigen und vorteilsfreien Beurteilung. Fakt ist, so äußert es die Halterin von Meggi, dass die Hunde schon oft in den Wald gerannt sind und nach fünf Minuten „normalerweise“ zurückkamen.

Fakt ist, dass Hunde in der Gemarkung Bensheim außerhalb des befriedeten Besitztums nicht unbeaufsichtigt laufengelassen werden dürfen. So steht es in Paragraf 1 Absatz 1 der Hunde-Verordnung der Stadt Bensheim. Fakt ist, dass es aufgrund des Hessischen Jagdgesetzes, dort in Paragraf 23 Nummer 8, verboten ist, Hunde in einem Jagdbezirk unbeaufsichtigt laufenzulassen.

Sowohl die Hunde-Verordnung der Stadt Bensheim als auch das Hessische Jagdgesetz sind keine unverbindlichen Handlungsempfehlungen für Hundehalter, sondern formulieren klar und unmissverständliche Ge- und Verbote. Diese Ge- und Verbote dienen dem Schutz der Tiere, sowohl der Wildtiere als auch der Hunde. Aufgrund der eigenen Aussage der Hundehalterin hat sie dagegen mehrfach verstoßen. Dies bedeutet nicht, auch wiederum ein Fakt, dass ein Jäger ohne weiteres einen Hund erschießen darf.

Das letzte aller geeigneten Mittel

Fakt ist, so steht es bereits im Bundesjagdgesetz, dass das Jagdrecht eine Hegeverpflichtung des Jägers mit sich bringt. So hat der Gesetzgeber in Hessen, wie auch in anderen Bundesländern, den Jagdausübungsberechtigten die ausdrückliche Befugnis erteilt, um dieser Hegeverpflichtung nachzukommen, bei Vorliegen der gesetzlichen Voraussetzungen wildernde Hunde zu töten.

Dies darf aber nur das letzte aller geeigneten Mittel sein. Ob der Jagdausübungsberechtigte hier pflichtgemäß gehandelt hat und ob er sich gar strafbar gemacht hat, wird Gott sei Dank nicht durch selbst ernannte Tierschützer in sozialen Medien entschieden, sondern durch rechtsstaatliche Ermittlungen, die eingeleitet wurden.

Diese Ermittlungen werden ergeben, ob das Schicksal der Hunde ausschließlich durch eine verantwortungslose Halterin verantwortet wurde oder aber auch durch einen verantwortungslosen Jäger.

Es gilt die Unschuldsvermutung

Allerdings, dies sollte allen, die den Jäger bereits jetzt verurteilen, weil es eben so schön in deren Weltbild passt, klar sein: In einem Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung und bisher liegt nichts vor, aus dem sich nur im Ansatz ein Fehlverhalten des Jägers ergibt.

Schließen möchte ich mit einem Auszug aus einem Urteil des Landgerichts Würzburg: Aktenzeichen 2 O 571/85: Ein Hundehalter, der sein Tier frei herumlaufen lässt, so dass es seinem Einwirkungsbereich entzogen ist, muss damit rechnen, dass sein Hund bereits beim ersten Versuch, zu wildern, vom Jagdausübungsberechtigten erschossen wird. Der Verlust eines Haustieres, insbesondere auch eines Hundes, der darauf zurückzuführen ist, dass der Tierhalter seiner Aufsichtspflicht nicht oder nicht genügend nachgekommen ist, ist der Sphäre des Tierhalters zuzuordnen und darf nicht jener Person angelastet werden, die aufgrund gesetzlicher Bestimmungen eine Gefahrensituation (z. B. Wildern) beseitigt, die durch das nicht ausreichend beaufsichtigte Tier entstanden ist.

Und ja: Ich bin Jägerin und Hundehalterin. Und Meggi war sicher kein böser Hund.

Nicole Scharnagl

Einhausen

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