Leserbrief

Betrachtung

Was der Schorschblick über uns aussagt

Danke für das Nein. Erst die Absage von H&M, dann der Rückzieher von Rolf Richter. So die Reihenfolge. Dazwischen liegen zwei Jahre. Die Entscheidung des Bürgermeisters, egal ob mit oder ohne Absprachen innerhalb der politischen Gremien, finde ich richtig. Wie viele andere auch. Bedenklich ist jedoch, dass wir Bürger dazu neigen, erst dann zu reagieren, wenn wir etwas bewusst und direkt wahrnehmen.

Betroffen sein verändert Denkmuster und motiviert zum Handeln. Je früher, desto besser. Die Politik läuft meist den großen Themen hinterher. Oft sind die aktuellen Herausforderungen – teilweise unabhängig ihrer Bedeutung – auf der Prioritätenliste ganz oben. Der Fingerzeig auf die Mandatsträger im Bund und Land ist leichter als die Einsicht, selbst auch die Augen verschlossen zu haben.

Suche nach Orientierung

Der Wohlstand, die Globalisierung, das Internet. In den letzten 40 Jahre hat sich sehr viel in unserer Gesellschaft verändert. Die Wahlforscher bestätigen, wir Menschen suchen nach Orientierung. Und doch verlassen jährlich über 400 000 Mitglieder die Kirchen, den etablierten Parteien wird der Rücken zugekehrt, viele Vereine verlieren Mitstreiter. Die ältere Generation lebt meist allein unter einem Dach, jeder Kauf im Internet schwächt den Einzelhandel. Immer mehr Treffpunkte für soziale Kontakte entfallen. Die Flüchtlingskrise gibt es nicht erst seit 2015. Sie ist nur in diesem Jahr in Deutschland angekommen. In den Jahren zuvor, haben wir täglich in den Nachrichten sehen können, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken und wie menschenunwürdig die Situation in den Auffanglagern im Libanon ist. Wie die Zeit vergeht. Wenig Antworten und noch mehr Flüchtlinge. Es gibt keine Alternative zur humanitären Hilfe.

Schwierige Themen

Altersarmut, Klimaschutz, Digitalisierung, Einsamkeit. Eine Auswahl von schwierigen Themen mit unbefriedigenden Antworten. Wie nimmt jeder Einzelne daran Anteil? Auf Kommunalebene ist ein möglicher Einfluss viel einfacher. Die Stadtverordneten leben in Bensheim, sie sind unsere Nachbarn. Die Fraktionssitzungen sind wöchentlich und in der Regel öffentlich, ebenfalls die Ortbeiratssitzungen. Bürgerbeteiligungen sind wichtig und können die Legislative gut unterstützen; allerdings nicht ersetzen.

Das deutlich veränderte Konsumverhalten in den letzten Jahrzehnten ist Verursacher für viele unserer selbst gemachten Probleme und doch auch unsere Chancen zu gleich. Wir bestimmen, was wir essen, wo und wie viel wir kaufen. Wir fürchten die Macht der Großkonzerne und vergessen, wer sie zu ihrer Stärke geführt hat. Es gibt immer Alternativen.

Der Einzelne ist wenig. Gemeinsames, nachhaltiges Verhalten dagegen kann viel erreichen. Bei unserem nächsten Blick auf den Schorsch: Die schöne Kirche nicht nur ansehen, sondern eintreten. Die Stille kann uns helfen darüber nachzudenken, was wirklich wichtig in unserem Leben ist.

Und was wir später unseren Nachkommen hinterlassen werden. Hilfsbereitschaft und kluges Handeln kann jeder leisten. Jeder in seinen Möglichkeiten.

Emotionen gewinnen

Bei den Wählern gewinnen Emotionen – ob Wahrheit oder Lüge – wieder mehr Einfluss. Wir sind jedoch nicht nur Wähler, sondern auch Entscheider. Tagtäglich. Nehmen wir uns die Zeit, uns gut aufklären zu lassen und geben wir der Vernunft viel öfters den Vorzug. Der Schorschblick kann und soll uns daran erinnern.

Rolf Schulz

Bensheim

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