Leserbrief

Atomkraft

Was geschieht mit dem Abrissmaterial des AKW Biblis?

Es bestehe „keine Gefahr für die Bevölkerung und die Umwelt“, versichert das hessische Umweltministerium als atomrechtliche Genehmigungs- und Kontrollbehörde im Zusammenhang mit der zweiten Genehmigung zum Abbau von Anlagenteilen des Block B in Biblis. Für Block A war die entsprechende Genehmigung bereits im April erteilt worden.

Zur Erinnerung: Im August 2012 stellte Kraftwerksbetreiber RWE einen Antrag zur Stilllegung und zum Abbau der Biblis-Blöcke A und B. Ende März 2017 wurde eine erste Teilgenehmigung erteilt – nach der verfahrensrechtlich vorgeschriebenen Öffentlichkeitsbeteiligung per Einwendungen und einem Erörterungstermin im November 2014, der allerdings aufgrund unzureichender und fehlender Unterlagen und Informationen am zweiten Tag von der Mehrzahl der Einwender und Umweltschutzverbände sowie Anti-Atom-Initiativen mit der Forderung einer Wiederholung nach Vorlage vollständiger Unterlagen durch RWE und Umweltministerium abgebrochen wurde.

Keine weitere Beteiligung

Das grün geführte Umweltministerium lehnte dies jedoch trotz immer wieder betonter „Transparenz und Bürgerbeteiligung“ ab – und verschwieg wohlweislich, dass es über die gesamte Dauer der Abrissmaßnahmen (circa 20 bis 25 Jahre) keine weitere Öffentlichkeitsbeteiligung mehr geben wird.

Auch das vom Umweltministerium initiierte und zum Musterbeispiel für „Offenheit und Bürgerbeteiligung“ hochstilisierte Informationsforum zum Biblis-Rückbau erwies sich schnell als Instrument zur Durchsetzung von Risiko-Akzeptanz bei der Bevölkerung. Beispiel „Freimessung“ und „Freigabe“ von strahlendem AKW-Abrissmaterial: Die Begründung für die „Freimessung“ nach dem 10-Mikrosievert-Konzept und die „Freigabe“ nach Paragraf 29 der Strahlenschutzverordnung ist nicht im medizinischen Bereich zu finden, denn ein Schwellen- oder Grenzwert, unterhalb dessen Strahlung unschädlich ist, existiert nicht. Dies ist inzwischen international wissenschaftlich Konsens.

Annahme verweigert

Mit der gesetzlich festgelegten Bestimmung von Grenzwerten werden radioaktive Stoffe und Abrissmaterialien wie Bauschutt, Metalle und anderes mehr vielmehr aus der Atomaufsicht entlassen („Freigabe“) und können verwertet (Recycling) oder beseitigt (Deponie, Müllverbrennung) werden.

Inzwischen gibt es zahlreiche Deponien, die die Annahme dieser strahlenden Materialien verweigern. Und auch die Bürgerinitiativen in Kolmbach und Gadernheim tun gut daran, weiterhin gegen die geplante Bauschutt-Recyclinganlage zu kämpfen.

Neues Sicherheitskonzept nötig

Nach der Abschaltung des Atomkraftwerks Biblis herrscht vielfach die Meinung, das Thema Atomkraft sei „durch“. Weit gefehlt: In Biblis lagern oberirdisch in einer „Standort-Zwischenlager“ genannten Lagerhalle über 100 Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Inventar. Die Betriebsgenehmigung für das Lager läuft 2046 ab. Ein Endlager für den Atommüll wird frühestens Ende dieses Jahrhunderts zur Verfügung stehen.

Deshalb ist aus meiner Sicht hier ein neues Sicherheitskonzept dringend notwendig – allerdings unter echter Beteiligung der Bevölkerung, die über die Abgabe von Stellungnahmen und Wortmeldungen weit hinaus gehen muss.

Rainer Scheffler

Lautertal

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