Leserbrief

Windkraft

Weltrekord auf dem Stotz bei Lindenfels?

Regionalplanung zur Windenergienutzung:

Wer Frankfurt besucht, ist bereits aus der Ferne von der imposanten Skyline beeindruckt. Es sind die 30 Hochhäuser, die das Bild der Stadt prägen. Frankfurt ist die einzige Stadt in der EU, die über so viele Hochhäuser verfügt, ein Rekord! Auch die beiden höchsten Wolkenkratzer sind mit dem Commerzbank Tower (259 Meter) und dem Messeturm (257 Meter) hier zu finden. Es folgen die Höhen von 208 Meter und 200 Meter. Alle anderen Hochhäuser liegen unter 200 Meter, auch diejenigen, die sich im Bau oder in Planung befinden.

Es sind die Möglichkeiten der Technik, die immer wieder faszinieren. Manchmal ist die Entwicklung so rasant, dass man nur noch staunen kann. Das betrifft den Bau von Windkraftanlagen in hohem Maß. War die Höhe des Turms, die Nabenhöhe eines Windrads, in den 90er Jahren noch bei höchstens 78 Metern, so werden heute bei den derzeit größten Anlagen Nabenhöhen von 166 Metern erreicht. Da ein Rotorblatt bei diesen Windrädern 81 Meter lang ist , ergibt sich eine Gesamthöhe von 247 Meter. Zur Erinnerung: 26 der 30 Hochhäuser in Frankfurt liegen unter 200 Metern!

Diese gigantischen Ausmaße werden auch klar, wenn man sich veranschaulicht, dass die Fläche, die die Rotoren umkreisen, 20 602 Quadratmeter umfasst. Das entspricht der Größe von fast drei Fußballfeldern.

Ausgerechnet auf dem Stotz, einem hügeligen Waldgebiet bei Reichelsheim und in der Nähe von Lindenfels sollen sechs dieser Monster-Windkraftanlagen errichtet werden. Möglich werden könnte dies, weil am 30. März der umstrittene Teilplan Erneuerbare Energien Südhessen vom Regierungspräsidium Darmstadt in Kraft gesetzt wurde. Die Öffentlichkeit hat dies wegen der schlimmen Auswirkungen der Corona-Krise zu dieser Zeit gar nicht wahrgenommen.

Es wurde bestimmt, dass 3000 Hektar Fläche im hessischen Odenwald für den Bau von Windkraftanlagen freigegeben werden. Neben den Vorrangflächen gibt es auch weiße Flächen, zu denen der Stotz gehört. Die Eignung von weißen Flächen soll noch einmal genauestens überprüft werden, um erst danach zu entscheiden. Hoffentlich geschieht das auch wirklich!

Im Regierungspräsidium in Darmstadt hat man offensichtlich völlig übersehen, in welch katastrophalem Zustand sich unsere Wälder durch den Klimawandel befinden. Das Umweltministerium in Wiesbaden hat Ende 2019 nach Prüfung mit Satellitenbildern geschätzt, dass in Hessen eine Schadfläche im Wald von 26 000 Hektar entstanden ist. Diese Zahl hat sich 2020 noch erhöht. Drei Jahre mit langen Hitze- und Trockenperioden, mit Sturmschäden und Borkenkäferbefall der Fichten hat dem Baumbestand erheblich zugesetzt.

Durch den Bau von Riesen-Windrädern wird noch mehr Wald vernichtet. Einige Meter tiefe Fundamente, die mit Beton und Stahlarmierung dauerhaft versiegelt werden, sind für immer und unumkehrbar für den Wald verloren. Für jedes dieser großen Windräder wird etwa ein Hektar Wald abgeholzt. Diese Fläche braucht man für das Fundament, die Kran-und Aufbaufläche und für den Schwerlastverkehr geeignete Zufahrtswege. Ist bei dem sehr schlechten Zustand des Waldes die zusätzliche Vernichtung von so vielen Bäumen zu verantworten?

Ein störender, toter Gegenstand

Bäume nehmen Kohlendioxid auf und geben durch Photosynthese lebensnotwendigen Sauerstoff ab, sie filtern Schadstoffe und Feinstaub aus der Luft, die Wurzeln nehmen Wasser auf, das zum Teil über die Blätter verdunstet und die Luft befeuchtet, durch Temperaturausgleich wird das Klima positiv beeinflusst. All das kann ein Windrad nicht. Seine positive Leistung besteht darin, für uns Menschen Strom zu erzeugen. Das ist gut, aber für den Wald ist ein Windrad ein störender toter Gegenstand. An Ort und Stelle im Wald wird durch die Stromerzeugung mit Windkraft kein Kohlendioxid eingespart. Das geschieht nur im Vergleich mit der Stromerzeugung der gleichen Menge in einem Kohlekraftwerk.

In Deutschland müssen die Bürger einen sehr hohen Preis für ihren Strom bezahlen. Schuld daran ist die EEG-Umlage, die zurzeit 6,756 Cent pro Kilowattstunde beträgt. Mit diesem Geld finanzieren wir den Windstrom. Die Anlagenbetreiber erhalten seit dem Jahr 2000 für 20 Jahre eine Stromabnahme-Garantie zu einem festen Preis pro Kilowattstunde. Dieser Preis ist wesentlich höher als am freien Markt.

Ende Dezember läuft diese Förderung für viele Windkraftanlagen mit geringerer Leistung aus. Dadurch werden kleinere ältere Windräder unrentabel. Zudem sind teure Reparaturen zu erwarten. Die Folge wird sein, dass alte Windräder abgebaut werden. Eigentlich müssten auch die Fundamente vollständig entfernt werden, aber das geschieht aus Kostengründen wohl nicht. Auch der Austausch gegen moderne Anlagen ist nach den gültigen Abstandsregeln zur Wohnbebauung nicht überall möglich. So belasten versiegelte Betonflächen wohl für immer den Acker- oder Waldboden. Das ist eine schwere Hinterlassenschaft für spätere Generationen.

Fazit: Strom von Windkraftanlagen ist gut, wenn die Voraussetzungen stimmen. Da weder die Windstärke noch die Windhäufigkeit voraussehbar sind, müsste vorrangig in die Speicherung von Strom investiert werden, um die Verfügbarkeit im Netz ausgleichen zu können. Sonst muss bei Überproduktion Strom ins Ausland verschleudert werden und bei zu wenig Ertrag Strom importiert werden, selbst wenn er aus Atom- oder Kohlekraftwerken stammt. So lässt sich kaum das schädliche Kohlendioxid wirklich einsparen.

Der Wald muss unbedingt geschont werden. Der ungezügelte Bau von riesigen Windkraftanlagen auf den bewaldeten Bergkämmen zerstört die schöne Landschaft der Mittelgebirge für immer und schreckt Erholungsuchende ab. Kein Frankfurter wird sich darüber freuen, im Odenwald plötzlich vor höheren Windrädern zu stehen als zu Hause vor einem Wolkenkratzer.

Karin Pfeifer

Lindenfels

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