Leserbrief

Corona und die Schulen

Wie lange wollen Lehrer und Schüler noch zuschauen?

Zu den Corona-Beschlüssen der Landesregierung zu den Schulen ist zu sagen: Die Absicht, die Schulen so lange wie möglich offen zu halten, ist sicher sinnvoll und erstrebenswert. Die Frage ist nur, um welchen Preis und mit welchem Ziel.

Mir ist beispielsweise schleierhaft, welche Erkenntnisse den Ministerpräsidenten und den Kultusminister dazu veranlassen, die Empfehlung des RKI über Präventionsmaßnahmen an Schulen in den Wind zu schlagen, wonach bereits beim Überschreiten einer Inzidenz von 50 pro 100 000 Personen Klassenteilung vorgesehen und Distanzunterricht zu prüfen ist.

Mittlerweile hat nicht nur der letzte Landkreis die Inzidenz von 50 überschritten, landesweit liegt die Inzidenz sogar beim dreifachen des Grenzwerts! Auf Begründungen wartet der interessierte Bürger vergebens.

Unverständlich ist auch die weitgehend undifferenzierte Betrachtung von Schülern. Was bei jüngeren Schülern angemessen sein mag, trifft bei Heranwachsenden, beispielsweise in den Oberstufen, sicher nicht zu. Sie verbreiten und empfangen die Viren wie andere Erwachsene auch.

Was ist eigentlich im Ministerium seit März passiert? Wann sind denn zur Entlastung von Schülern und deren Lehrkräfte die Lehrpläne an die Situation angepasst oder überarbeitet worden? Kann man nach mehr als einem halben Jahr nicht erwarten, dass differenzierte Empfehlungen für die Stundentafeln, für die Gestaltung von Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht vorliegen?

Wird etwa auf ein Wunder gehofft?

Die Klassen in allen Jahrgangsstufen sind immer noch voll belegt, die Schulbusse entsprechend überfüllt, von praktikablen Lüftungsplänen ganz zu schweigen. Wie stellt sich das Ministerium eigentlich den Unterricht in den nächsten zwei bis drei Jahren vor, in denen eine nennenswerte Teilimmunität der Bevölkerung nicht erreicht wird? Man gewinnt den Eindruck, dass man immer noch auf ein Wunder hofft.

Wozu wurden denn eigentlich die Laptops angeschafft, wenn sie nicht eingesetzt werden? Sollten sie nicht den Distanzunterricht ermöglichen? Wie werden Lernplattformen in die Arbeit der Schulen integriert? Werden Lehrkräfte für die besonderen Erfordernisse des Distanzunterrichts fortgebildet? Nach wie vor richtet sich das Land der Dichter und Denker bequem in der analogen Komfortzone ein.

Fehler werden nicht eingeräumt

Statt notwendige Veränderungen, die seit langem auf der Hand liegen, anzustoßen, begibt sich der Kultusminister in eine Schule, um in dieser Kulisse medienwirksam die „ausgewogenen Beschlüsse“ der Landesregierung zu verkünden. Ohne das geringste Eingeständnis von Fehlern feiert man sich mit dem Hinweis auf Länder, in denen die Pandemie noch stärker wütet.

Offensichtlich sind wir gar nicht mehr weit von dem Stil des Wahlkampfs in den USA entfernt. Die Parallelen sind verblüffend. Empfehlungen der Fachwissenschaft werden großzügig übergangen, auch unsere Medien halten sich mit kritischem Hinterfragen auffallend zurück.

Wäre es nicht ein Traum gewesen, wenn unser Kultusminister ohne Medienbegleitung einfach zum Zuhören in eine Schule gegangen wäre. Schüler, Eltern und Lehrkräfte hätten von ihren Erfahrungen berichten können. Leider ein Traum!

Die unumstößliche Doktrin heißt: Schule findet statt. Es geht hierbei um die Symbolik, nicht um den Inhalt.

Ob angesichts von Schülern oder Lehrkräften in häuslicher Isolation noch von einem kontinuierlichen Unterricht zu reden ist, interessiert dabei nicht. Dass durch Teilung von Lerngruppen die Effektivität des Unterrichts gesteigert und zusätzlich durch Wechselunterricht die Kontakte deutlich hätten reduziert werden könnten, scheint die politisch Verantwortlichen nicht zu interessieren, auch nicht die dadurch hervorgerufene Entspannung bei der Schülerbeförderung.

Der beständige Aufruf zur Eigenverantwortung von Bürgern nutzt sich umso schneller ab, je weniger die Verantwortung der Ministerien und der nachgeordneten Behörden sichtbar wird.

Dabei weiß man doch, dass frühzeitiges Handeln die Ausbreitung der Viren hemmt. Gezögert und abgewartet wurde doch bisher schon genug, wenn man nur an die Ministerpräsidentenrunde denkt.

Ich frage mich, wie lange Schüler, deren Eltern, Schulleitungen und Lehrkräfte eigentlich diesem medizinischen Großversuch an ihren Schulen und zu Lasten unserer heranwachsenden Generation taten- und widerspruchslos zuschauen wollen.

Joachim Bliemeister

Lorsch

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