Leserbrief

Innenstadtentwicklung

Wohnen im Grünen statt in einer Pseudo-Altstadt

Der städtebauliche Entwurf zur Neugestaltung des ehemaligen Güterbahnhofs, des Bauhofs und des Umfelds hat nach der Magistratsvorlage zum Ziel, diese Fläche „im Sinne einer nachhaltigen Innenentwicklung zu beleben und durch Wohnbebauung zu nutzen“. Schon jetzt stehen auf diesem Gebiet aber unter anderem Einzel- und Reihenhäuser mit größeren oder kleineren Gärten. Dies ist genau die Bebauung, die in Zwingenberg außerhalb der Altstadt typisch ist: Wohnen im Grünen in angenehmer Distanz zur Altstadt. Die beabsichtigte Bebauung würde dies entscheidend ändern und damit in die Ortstypik negativ eingreifen.

Die Aussage, es gelte „die Qualitäten der historischen Altstadt herauszuarbeiten und im neu zu schaffenden Stadtquartier (…) neu umzusetzen“ gibt Rätsel auf. Wenn man das Modell betrachtet, so sind wohl damit vor allem giebelständige Häuser mit Satteldach gemeint. Das hieße aber die Altstadt missverstehen. Sie wird wesentlich durch die Stadtstruktur mit ihren Straßen, der Gliederung in Ober- und Unterstadt sowie die umlaufende Stadtmauer und – wenn man so will – durch eine relativ hohe Gaststättendichte geprägt. Diese materiellen Qualitäten lassen sich nicht auf das neue Stadtgebiet übertragen. Darüber hinaus: Die Häuser in der Altstadt unterscheiden sich in ihrem Äußeren und in ihrem Charakter erheblich voneinander. Ein „Altstadt-Haustyp“, wie er dem Magistrat vorschwebt, ist eine Fiktion und der Entwurf zeigt eine Pseudo-Altstadt. Sind schon die materiellen Qualitäten der Altstadt nicht übertragbar, so gilt dies erst recht für die immateriellen, wie zum Beispiel die Art des Zusammenlebens der Bürger.

Ein hübscher Platz, eine „Piazza“, gegebenenfalls mit einem Brunnen und anderem mehr, machen sich auf dem Plan und im Modell vielleicht gut, sind aber keine Garantie dafür, dass ein belebter, von der Bevölkerung auch angenommener Platz entsteht. Dazu gehört mehr, zumal dies in Konkurrenz zur Altstadt mit dem beliebten Marktplatz und zu der attraktiven Scheuergasse stehen würde, also Bereichen, die kraft ihrer historischen Entwicklung oder ihrer ästhetischen Qualität von der Bevölkerung besonders geschätzt werden.

Den mündigen Bürger achten

Bürgerbeteiligung bedeutet nicht, dass sich die gewählten Vertreter aus ihrer Verantwortung zulasten der Bürger verabschieden. Nicht ohne Grund kennt die Hessische Gemeindeordnung (HGO), aber eine Beteiligung der Bürger durch Bürgerversammlung und Bürgerentscheid. Sie stehen für die Achtung vor dem mündigen Bürger. Letzten Endes erleichtert die Anhörung den Verantwortlichen ihre Aufgabe. Und es soll ja sogar vorkommen, dass Bürger, die nicht gewählte Vertreter sind, gute Gedanken haben. Im Fall des Neubaugebietes ist die Beteiligung umso wichtiger, als dieses Gebiet von den Bürgern angenommen und nicht abgelehnt werden soll.

Lothar Frank

Zwingenberg

Info: Leserbrief-Richtlinien online: www.bergstraesser-anzeiger.de /leserforum

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