Leserbrief

Fall Nawalny

Zwingenden Beweis wird es wohl niemals geben

Leserforum „Man sollte fragen,wem die Vergiftung nützt“, BA vom 25. September 2020

Trotz aller tatsächlichen und scheinbaren Aufklärungsbemühungen wird es in diesem Fall wahrscheinlich niemals gelingen, einen zwingenden Beweis für eine Täterschaft zu liefern. Alle Betrachtungen haben deshalb Meinungscharakter, sind spekulativ und thesenhaft. Das erscheint mir wichtig, noch einmal festzustellen. Die Frage, wem die Vergiftung nützt, ist auf der Suche nach einem Motiv richtig, aber nach meiner Auffassung gibt es da mehrere Antworten.

Selbst wenn Nordstream II nicht zustande käme, was aber keineswegs als sicher gilt, würde das Putins Macht nicht gefährden. Sorge bereitet ihm, dass es trotz zahlreicher willkürlicher Verhaftungen, Anklagen, Verurteilungen und Freiheitsstrafen bislang nicht gelungen ist, diesen unerschrockenen Kritiker mundtot zu machen. Das Beispiel im Nachbarstaat Belarus verstärkt diese Sorge. Sollte es in Russland einen ähnlichen „Flächenbrand“ geben, initiiert von Kremlkritikern, wäre das für den Erhalt des Machtapparates weit bedrohlicher als das Nichtzustandekommen von Nordstream II. Das mit Abstand stärkste Motiv hat also tatsächlich das System Putin.

Die Behauptung, dass die Spur nach Russland allzu offensichtlich sei, erinnert mich an eine Aussage, die Max Frisch zugeschrieben wird: „Die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die nackte Wahrheit. Die glaubt niemand.“ Für eine sinnhafte Übertragung auf den Fall Nawalny hieße das: So blöd kann doch der russische Geheimdienst gar nicht sein. Eine solch perfide Strategie, erdacht in Köpfen von Geheimdienstlern, wäre gleich zweifach von Vorteil. Im eigenen Land verbreitet sie unter der Bevölkerung Angst und Schrecken, um den Machterhalt zu sichern. Für das Ausland wird sie als „Beweis“ für die Unschuld bemüht nach dem Motto: So blöd kann doch niemand sein. Und so wird dieses System auch nicht müde, Nebelkerzen zu werfen und Lügenwirrwarr zu verbreiten;

Die Staatengemeinschaft hat sich dazu verpflichtet, den Einsatz von Giftgas/Giftstoffen gänzlich zu ächten. Zu diesen Stoffen zählt auch und gerade das Nervengift Nowitschok. Das ist geltendes Völkerrecht. Und wenn Russland hinter dem Anschlag steckt, hat es Völkerrecht gebrochen. So einfach und banal lautet die Antwort auf die Frage, weshalb sich die NATO im Fall Nawalny zu Wort gemeldet hat.

Wer den Fall Nawalny betrachtet, sollte sich zuallererst frei machen von Verhaftungen in irgendwelchen Ideologien. Selbst Katja Kipping (Noch-Vorsitzende der Linkspartei ), die bei Markus Lanz zu Gast war, war die reflexartige Verteidigung Russlands durch ihre Parteifreunde Gysi und Dagdalen in diesem Fall sichtlich unangenehm.

Hans-Lothar Molitor

Lindenfels

Info: Leserbrief-Richtlinien online: www.bergstraesser-anzeiger.de/leserbriefe

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