Lindenfels

Jubiläum Die Frauenhilfe damals und heute

90 Jahre im Zeichen der starken Frau

Archivartikel

Schlierbach.Bis in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts durften die Männer bestimmen, was ihre Ehefrauen beruflich und in ihrer Freizeit unternehmen. Gerade in ländlichen Gebieten wie im Odenwald. Dennoch durften sich Frauen im Winterhalbjahr zu einem Frauenabend unter dem kirchlichen Schutz treffen.

Über 60 Damen aus dem gesamten Schlierbachtal kamen so regelmäßig zusammen. „Der Pfarrer las gute Volkserzählungen vor, in den Pausen wurde gesungen und die Frauen beschäftigten sich mit einer Handarbeit“, erzählt Anneliese Pappe-Fischer. Sie leitet mit kurzen Unterbrechungen seit 1985 die „Frauenhilfe in der evangelischen Kirche Schlierbach“.

Von der Idee zur Tradition

Die Gründung der Frauenhilfe geht auf das Jahr 1929 zurück, der Ortsgeistliche Pfarrer Hartmann sorgte dafür. Bei seinen gutbesuchten Bibelstunden in Glattbach und Ellenbach bemerkte er, dass Frauen im Winterhalbjahr auch mal gerne aus dem Haus gehen wollten und schuf ihnen die Möglichkeit, indem er den Schulsaal in Schlierbach öffnete und kostenlos für Licht und Heizung sorgte.

Nach diesem ersten Winter folgten 80 Frauen aus Eulsbach, Schlierbach und Winkel dem Aufruf eine Vereinigung zu gründen – in der Osterzeit, noch vor Beginn der bäuerlichen Arbeit auf den Feldern. „Unterstützung innerhalb und außerhalb der Gemeinde war der Zweck des Vereins, genauso wie die innere Ausstattung der Schlierbacher Kirche mit neuen Altarbekleidungen und Abendmahlsdecken“, berichtete Anneliese Pappe-Fischer. Schon im Winter 1930 und 1931 trafen sich die Frauen wieder und setzten einen kleinen Mitgliedsbeitrag fest. „Mancherlei Not konnte in diesem Krisenwinter gelindert werden“, so die Erzählungen. Parallel dazu gab es einen Mädchenabend. Diese Treffen fanden im Amtszimmer des Pfarrhauses statt. Die Pfarrfrau schulte die Mädchen im Singen. Der Chor an Weihnachten 1931 zum ersten Mal im Gottesdienst.

Im Jahr 1933 stand den Frauen der Sinn nach einem Ausflug. Wie die Chronik schreibt, ging es mit dem Postauto von Lindenfels nach Worms, weiter den Rhein entlang nach Oppenheim und schließlich nach Mainz. Die Frauen nahmen dort an einer Ausstellung mit den Titel „Haus und Technik“ teil.

Ende der 30er Jahre schloss sich der Frauenverein Schlierbach an den Landesverband der Evangelischen Frauenhilfe an, der sich mit der Bildung der Frauen beschäftigte. Schwierig wurde es in den Kriegsjahren, doch danach fanden die Frauen schnell wieder zusammen. „Ich kann mich noch an Ausflüge erinnern, bei denen wir zwei Busse brauchten“, erzählt Pappe-Fischer. Der Zuspruch zu den Veranstaltungen der Frauenhilfe war lange Jahre ungebrochen. Dadurch sollten Frauen auch „Zugang zur Bildung“ bekommen und selbstbewusster werden. „Die Frauen stärkten sich gegenseitig“, so Anneliese Pappe-Fischer. Dabei lernten sie ihre Fähigkeiten und ihren Stellenwert in der Gemeinde kennen.

Die Frauen haben heute einen anderen Bildungsstand als noch ihre Mütter oder Großmütter. Dadurch fehlen der Frauenhilfe jüngere Mitglieder. „Wir sind im Schnitt 70 Jahre alt“, so Pappe-Fischer. Jedes Treffen beginnt mit einer spirituellen Stunde. Dann geht es weiter mit weltlichen Themen bei Kaffee und Kuchen. Willkommen sind Frauen aller Konfessionen, auch beim Gottesdienst zum 90-jährigen Bestehen.

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