Lindenfels

IMS Schlierbachtal Bei der ersten Veranstaltung nach der Corona-Pause ist alles glatt gelaufen / Bis zu 250 Oldtimer-Freunde durften diesmal mit dabei sein

Autosalon mit verführerischerRetro-Note

Seidenbuch.Abstand halten: im Straßenverkehr eine Standardregel, wenn man nicht gerade als Drängler mit lockerem Finger an der Lichthupe unterwegs ist. Doch die Freunde klassischer Automobile sind ohnehin weniger Raser als Genießer. Auf dem Sportplatz in Seidenbuch haben jetzt über hundert Oldtimerfans gezeigt, dass sie auch beim Parken und Plaudern einen gebührenden Abstand einhalten können.

Es war die erste Veranstaltung nach der Corona-Pause. Für viele Mitglieder der Interessengemeinschaft Motorsport Schlierbachtal (IMS) war es höchste Zeit, sich wieder einmal mit Gleichgesinnten zu treffen. Der Oldtimerfrühschoppen, der sonst immer am letzten Sonntag im Monat auf dem Sportgelände der SG Seidenbuch stattfindet, musste im April und Mai abgesagt werden. Jetzt ging es wieder los.

„Benzingespräche“ mit Abstand

Die Fahrzeuge mussten mit einem Abstand von eineinhalb bis zwei Metern geparkt werden. Platz war reichlich vorhanden. Die Bewirtung mit Getränken, Würstchen, Kaffee und Kuchen hatten Mitglieder der SG Seidenbuch unter Einhaltung der gültigen Hygieneauflagen gemanagt.

Auch bei den „Bezingesprächen“ war ein Sicherheitsabstand von 1,50 Metern untereinander angesagt – auch, wenn das manchem sichtlich schwer fiel. Der Verzicht auf eine Grüppchenbildung klappte indes wunderbar.

Schon eine knappe Stunde nach der Eröffnung wurde das 100. Fahrzeug begrüßt. Und es wurden laufend mehr. Auf das Gelände waren am Sonntag maximal 250 Personen zugelassen. Die Ausgabe der Nummern funktionierte bestens. So war gewährleistet, dass der Besucherstrom im Rahmen blieb. Und auch das Wetter spielte mit, trotz dunkler Wolken um die Mittagszeit. Historische Traktoren sowie Motorräder waren ebenfalls willkommen.

Während Pressewart Manfred Brust die Neuankömmlinge einwies, freuten sich Jürgen Machel als Chef der IMS-Oldtimerabteilung und seine Kollegen in Gelb über die gute Resonanz. „Endlich wieder unter Leuten“, kommentierte ein Odenwälder Besitzer eines NSU TT in flotter Rallye-Ausführung.

Leder, Gummi, Öl und Sprit

Der Sportplatz glich mal wieder einem echten Autosalon. Seit vier Jahren ist das nicht mehr sportlich genutzte Areal ein grüner Teppich für historische Fahrzeuge aller Art, die hier nicht wahllos, sondern durchaus nach einer dramaturgisch-thematischen Ordnung geparkt werden. Jedenfalls überwiegend. Im Zentrum der Wiese hatten die meisten Italiener ihre Nische gefunden. Vor allem Alfa Romeos und Fiats aus den vergangenen fünf Jahrzehnten. Wunderschön ein cremefarbener Alfa Sprint aus den 60er Jahren, der noch richtig nach Auto roch: eine feine Note bestehend aus Leder, Gummi, Öl und Sprit, die den Wagen wie ein Parfum umgab und eine verführerische Retro-Note verbreitete, die auf Fans magisch zu wirken schien.

Gleich daneben rollte ein grüner Alfa GT Junior ein, flankiert von winzigen Fiat 500ern und einem eleganten Ur-Mäuschen, einem „Topolino“ aus dem Jahr 1949. Besitzer dieses 500C ist Helmut Jungblut aus Schlierbach. Der rote Ferrari, der viele Meter weiter weg neben einem Mercedes stand, hatte sich wohl Richtung Germania orientiert. Er war aber auch stattlich, der 500SEL von 1985 mit V8 und stolzen 231 PS unter der dicken Haube. Vor 40 Jahren galt er in Kennerkreisen als bestes und sicherstes Auto der Welt. Damals ein Luxusteil vor dem Kanzleramt und der Villa Hammerschmidt, heute auch auf Seidenbucher Sportplätzen noch immer der Inbegriff von Macht und Noblesse. Mit über drei Metern Radstand kein Wunder.

Vom Porsche zum verbeulten Käfer

Der Blick schweift über Porsches, Volvos und verbeulte Käfer. Die alemannischen Sportwagen im Zeitgeist der 70er werden von Ford Capri und Opel GT repräsentiert. Raffiniert gestylte Coupés, die auch im Odenwald eine feine Alternative waren für jene, denen ein Ferrari oder Ford Mustang zu kostspielig waren. Emotionale Sportler, bezahlbar und neidresistent.

Zwei Drittel der Capri-Käufer waren damals zwischen 18 und 29 Jahre alt. Heute haben die gleichen Personen Mühe, sich aus dem Innenraum herauszuschälen, wie man in Seidenbuch mehrmals miterleben konnte. Egal, die Haltung zählt. Und die hat bei allen gestimmt, die am Sonntag gekommen waren: Man hegt und pflegt fahrende Zeitzeugen einer vergangenen Automobil-Ära, in der die Welt noch weitaus weniger uniform und windkanal-angepasst war wie heute.

Oldtimer-Freunde tragen ein Virus in sich, der hochgradig ansteckend, aber gesundheitlich völlig ungefährlich ist. Bedrohlich ist das höchstens für den Geldbeutel des Infizierten. „Da stecken Tausende drin“, sagt ein Mercedes-Fahrer, der seit 30 Jahren restauriert.

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