Lindenfels

Dekanat Vorderer Odenwald In der Corona-Krise greifen viele Pfarreien auf Video-Kanäle zurück

Kirche auf digitalen Wegen

Archivartikel

Lautertal/Lindenfels.Eine Predigt mit Schafen, Gottesdienste aus dem Pfarrgarten, aus der Zoohandlung oder der Kreisklinik: Wenn die Menschen wegen des Gottesdienstverbotes nicht in die Kirchen kommen dürfen, kommt die Kirche eben zu den Menschen. Die Corona-Pandemie macht erfinderisch. Und sie treibt die Digitalisierung der Kirche voran – auch nach den ersten Schritten zur vorsichtigen Öffnung der Gotteshäuser.

„Wie schaffe ich es, den Kontakt zur Gemeinde zu halten? Das war mir ein Anliegen“, sagt Christine Heuser, Pfarrerin in Kleestadt und Richen. Andachten auf der Videoplattform Youtube waren für sie gleich zu Beginn der Corona-Pandemie und der damit verbundenen Kontaktbeschränkungen ein Mittel. Und so stieg sie für ihren ersten Online-Gottesdienst auf den Kirchturm der Kleestädter Kirche und wandte sich auf diesem Weg an die Gläubigen – wie auch andere Pfarrer im Vorderen Odenwald.

Mittlerweile zeichnet Heuser jede Woche eine Andacht auf und stellt sie bei Youtube ein. Ihr Mann filmt, ihr Sohn hat ihr gezeigt, wie man schneidet. Anfangs dachte die Pfarrerin, dass sie gerade ihre treuen Gottesdienstbesucher, die meist älter sind, mit einem digitalen Angebot nicht erreicht. Doch weit gefehlt: Kinder oder Enkel stellen kurzerhand Handy oder Tablet zur Verfügung, damit die Großeltern Gottesdienst mit der Ortspfarrerin feiern können. Besonders berührt haben die Pfarrerin Rückmeldungen, dass Videoandachten auch in existenziellen Situationen wie etwa in der Sterbebegleitung eingesetzt werden und auch dort einen Platz finden.

Ältere werden digital mitversorgt

Ähnliche Erfahrungen macht auch der Fränkisch-Crumbacher Pfarrer Thomas Worch. Die Kirchengemeinde stellt regelmäßig Bilder, Musik-Mitschnitte, Geschichten und Impulse – auch zum Herunterladen auf ihrer Internetseite. „Dass die älteren Menschen digital abgehängt sind, stimmt nicht“, sagt Worch. Ältere würden über Nachbarn und Familie auf dem Laufenden gehalten. Fernsehgottesdienste seien zwar technisch perfekt, aber die Leute freuten sich, ihren vertrauten Pfarrer und ihre Kirche zu sehen: „So haben sie das Gefühl, in der Isolation nicht vergessen zu werden.“ Eine weitere Beobachtung von Worch: Er erreiche nicht nur die Hochverbundene, sondern auch Kirchenferne.

Eine andere Art von Nähe trotz der Distanz ist entstanden. Digitale Angebote sind das eine, Briefe, Telefonate und offene Kirchen das andere. „War es vor der Krise eher üblich, dass die Menschen zu kirchlichen Angeboten in die kirchlichen Räume kamen – Gemeindehaus und Kirche – so bewirken die Kontaktbeschränkungen das Gegenteil: die Kirche kommt zu den Menschen auf vielfältige, fantasievolle Weise: digital oder analog, übers Telefon, über einen eingeworfenen Brief oder ein Gartenzaungespräch in sicherer Distanz oder den allabendlichen Gesang in der Nachbarschaft“, sagt Dekan Joachim Meyer. Er fragt sich, was von diesen digitalen Angeboten auch künftig beibehalten wird und ermutigt die Gemeinden dazu, weiterhin „ansteckungsfrei und fröhlich“ zu experimentieren.

Andachten liegen beim Bäcker aus

Etliche Kirchen im Vorderen Odenwald sind – unter Berücksichtigung der geltenden Hygieneregeln – offen. Andachten liegen oder hängen aus. „Unsere offene Kirche wird gut genutzt“, sagt der Niedernhäuser Pfarrer Simon Körber.

Die Tür zur Sankt-Johannes-der-Täufer-Kirche mit ihrem weitläufigen Gelände steht immer offen. Nach Ostern hatte Körber so viele Fürbitten wie nie im Fürbittkasten, die er dann am darauffolgenden Sonntag allein in der Kirche vor Gott vorgebracht hat.

Um die Gemeinde umfassend zu erreichen, legt mancher Pfarrer die Andachten beim Bäcker oder Metzger aus oder bringt sie per Fahrrad zu den Briefkästen der Gemeindeglieder. Kontakthalten und Seelsorge am Fenster oder Gartenzaun, oder per Telefon – Michaela Meingast, Pfarrerin in Klein-Umstadt, Raibach und Dorndiel, macht das, wie viele ihrer Kollegen auch, seit der ersten Woche mit Kontaktbeschränkung. „Dadurch fühle ich mich eng mit der Gemeinde verbunden“, sagt sie.

Christine Heuser war schon an verschiedenen Orten, um ihre Andachten zu filmen. Als die Hamsterkäufe noch das große Thema waren, nahm sie kurzerhand Kontakt zu einem Zoohändler auf. Am Sonntag Misericordias Domini, dem Sonntag des guten Hirten, predigte sie von der Schafweide.

Aber kostet es nicht auch Überwindung, allein in der leeren Kirche zu singen und dann noch für eine unbekannte Internetgemeinde? Für Heuser ist das kein Thema. „Es geht nicht um meine Person, sondern um die Botschaft“, sagt sie. „Dafür nehme ich dann auch mal in Kauf, dass mal etwas nicht ganz hundertprozentig ist“, fügt sie hinzu. red

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