Lindenfels

Gesellschaft Infoveranstaltung für Flüchtlinge und Helfer bietet einen Überblick zur Rechtslage in Deutschland / Gefahren im häuslichen Umfeld

Migrantinnen oft von Gewalt bedroht

Archivartikel

Lindenfels.Jede vierte Frau in Deutschland ist laut einer Studie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von häuslicher Gewalt betroffen. Eine neuere Risikogruppe sind weibliche Flüchtlinge. Doch die Frage nach der Unterbringung Asylsuchender in Containern, Zelten und überfüllten Massenunterkünften überlagert häufig die Diskussion um die Qualität der Unterkünfte und die Wahrung der Rechte der geflüchteten Menschen. Wie viele von ihnen dort oder in einem anderen häuslichen Umfeld Gewalt erfahren, ist kaum erforscht.

Die Stadt Lindenfels hat das Thema jetzt in die lokale Öffentlichkeit gebracht. Bei einer Informationsveranstaltung erläuterten Mitarbeiter der Polizei und aus sozialen Beratungsstellen die wesentlichen gesetzlichen Grundlagen, Definitionen und strafrechtlichen Konsequenzen. Zielgruppe waren Migranten und Mitarbeiter im Flüchtlingswesen. Bürgermeister Michael Helbig begrüßte zahlreiche Gäste im Bürgerhaus. Die Erläuterungen wurden ins Arabische übersetzt.

Unter häuslicher Gewalt versteht man Delikte körperlicher, seelischer oder sexueller Gewalt. Unter den Begriff fallen auch Beschimpfungen, Demütigungen und Bedrohungen, aber auch Isolierung und ökonomische Dominanz durch den Partner oder Ehemann.

Das Gewaltschutzgesetz ermöglicht es seit 1. Januar 2002 der Polizei, einen gewalttätigen Partner des Hauses zu verweisen. „Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit und wird vom Staat nicht toleriert“, betonte Fahri Erfiliz, Migrationsbeauftragter der Polizeidirektion Bergstraße. Die Sicherheit des Opfers habe Vorrang. Gewalttäter müssten immer mit strafrechtlichen Folgen rechnen.

Grundrechte in einfacher Sprache

Erfiliz skizzierte die deutschen Grundrechte in einfacher Sprache: die Gleichheit von Mann und Frau vor dem Gesetz, das Verbot von jeglicher Gewalt nicht nur im körperlichen Sinne. Niemand darf zum Sex - auch nicht in der Ehe – gezwungen werden, gegen seinen Willen verheiratet oder zu sexuellen Handlungen mit anderen genötigt werden. Die Beschneidung von Mädchen und Frauen an ihren Genitalien ist eine schwere Körperverletzung und wird mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft. Alle Beteiligten waren sich einig: Zu einer erfolgreichen Integration gehöre auch die Anerkennung des hiesigen Rollenverständnisses zwischen Frau und Mann. Es gehe darum, Frauen aus anderen Ländern umfassend über die Rechte aufzuklären und ihnen Hilfsangebote zu vermitteln. Eines davon ist die Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt im Kreis Bergstraße.

Die Einrichtung mit Büros in Bensheim, Lampertheim und Rimbach bietet kostenlose und vertrauliche Gespräche in einem geschützten Rahmen. Im vergangenen Jahr wurden 92 Frauen beraten, die meisten zwischen 30 und 40 Jahren. Referentin Natalie Sedich verwies auch darauf, dass das Erleben von häuslicher Gewalt – ganz gleich, ob direkt oder indirekt erlebt – auch die Entwicklung eines Kindes nachhaltig beeinträchtigt. Kinder können in einem solchen Kontext schwer traumatisiert werden, destruktive Verhaltensweisen ausbilden oder starre Geschlechtsrollenmuster übernehmen.

Prävention und Aufklärung ist erstes Ziel aller Akteure, die ein lokales und regionales Hilfs-Netzwerk bilden. Dazu gehört auch das Frauenhaus Bergstraße. Die Einrichtung arbeitet eng mit der Interventionsstelle zusammen und bietet Frauen mit und ohne Kindern eine sichere Unterkunft an einem geschützten Ort. Die Sozialpädagoginnen Iris Tremel und Mareike Mischler erläuterten, dass häusliche Gewalt in allen sozialen Schichten und Altersgruppen vorkommt. Träger des Frauenhauses und der Beratungsstelle ist der Verein Frauenhaus Bergstraße, der unter anderem Deutschunterricht für Frauen und Kinder sowie eine Hausaufgabenhilfe organisiert.

Im Arbeitskreis gegen häusliche Gewalt im Kreis Bergstraße sind alle Institutionen vernetzt, die Hilfe bei anbieten. Ziel ist es, allen Menschen ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Wichtigster Tipp der Akteure: Wer akut bedroht ist, sollte die Polizei über den Notruf 110 kontaktieren. Die Polizei kennt die Adressen der wichtigsten Beratungsstellen in der Region. Denn es gehe nicht nur darum, zu informieren, sondern auch um die Überwindung der Sprachlosigkeit. Gerade Menschen mit Schwierigkeiten bei der deutschen Sprache falle es oft schwer, sich Hilfe zu holen. Die Infoveranstaltung in Lindenfels hat ein gutes Stück Aufklärung und Orientierung gegeben.

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