Lindenfels

Dekanat Vordere Odenwald Kantor Matthias Ernst aus Reichelsheim pilgerte nach Eisenach

Mit Stock und festen Schuhen auf den Spuren von Martin Luther

Archivartikel

Reichelsheim.Eines späten Nachmittags klingelt es an der Eingangs- tür des Evangelischen Dekanats Vorderer Odenwald: Dekanatskantor Matthias Ernst steht vor der Tür, mit Wanderschuhen an den Füßen, einem großen Rucksack auf dem Rücken, Schlapphut auf dem Kopf und einem Stecken in der Hand. Er bittet um ein Glas Wasser, trinkt und geht seines Weges.

„Reformation damals – Reformation heute“ war das Thema, das sich Matthias Ernst für seine sechswöchige Studienzeit ausgesucht hat. Er setzte sich mit der Musik der damaligen Zeit auseinander, las Bücher über die Reformatoren und besuchte den Reichelsheimer „Verlag der Spielleute“. Kernstück aber war eine Pilgerreise von Worms zur Wartburg. „Ganz praktisch und am eigenen Leib spürbar wollte ich den Weg Luthers von 1521 nachgehen“, sagt der 49-jährige Reichelsheimer.

300 Kilometer unterwegs

Die ersten drei Etappen lief er zusammen mit seiner Frau. Die ersten Kilometer waren beschwerlich, es war heiß, die Straßen asphaltiert, es ging vorbei an großen Industrieanlagen. Erst später kamen Wälder und Hügel. „Dies war uns ein Bild für das Leben, in dem es auch immer wieder beschwerliche Strecken zu gehen gilt.“ Einen schönen Wanderweg schätze man dann vielmehr, wenn man vorher karge Wege gegangen ist.

Von Reichelsheim nach Eisenach ging Ernst dann alleine – in seinem Pilgeroutfit, auf das er während des 300 Kilometer langen Weges mehr als einmal angesprochen wurde, und mit einem kurzen Abstecher im Dekanatszentrum in Groß-Umstadt. Der Reichelsheimer wollte nicht auf dem offiziellen Lutherweg den Markierungen folgen, sondern seinen eigenen Weg finden. „Als Pilger hat man ja Zeit“, sagt er. In einem Pilgerführer habe er gelesen, dass jeder selbst entscheiden müsse, welcher Weg der persönlich Richtige sei. „Es gilt aber immer, dass man von einer langen Wanderung als anderer Mensch zurückkommt.“ Er genoss die Zeiten der Stille, den Rhythmus des Gehens, die Veränderungen der Landschaft. „Ich hatte schon öfter erlebt, dass mir beim Gehen gute Ideen kommen“, erzählt er, „der Pilgerführer nennt es: Beim Gehen rütteln sich die Gedanken zurecht.“

Menschen als Wegweiser

Er genoss aber auch die Begegnungen mit Menschen, hatte bei der Wahl der Quartiere immer auch persönliche Zielorte eingeplant: Er übernachtete bei Bekannten, einmal bei einer unbekannten Chorsängerin, bei den Herrnhutern auf dem Herrnhaag, einer lutherisch-pietistischen Glaubensgemeinschaft, bei den Benediktinerinnen in Fulda, in verschiedenen Gasthöfen und zum Schluss in der Pilgerherberge des Diakonissenmutterhauses in Eisenach.

Wenn es passte, schenke er seinen Gastgebern eine Karte und sprach ihnen einen Reisesegen zu. Zuweilen wurden die Menschen ihm auch Wegweiser: Zwei Mal wollte er den Zug nehmen, traf dann aber auf Menschen, die erzählten, wie schön der Weg sei und gar nicht so weit. Das genügte als Motivation. Ernst ging zu Fuß weiter.

„Als Pilger nimmt man nur das Nötigste mit“, sagt Ernst. Dicke Notenbücher gehören nicht dazu. Aber als Kirchenmusiker so ganz ohne Noten? Er sammelte ein kleines Repertoire in einem Buch, sang unterwegs Lieder, die er auswendig kann, und machte Station in den offenen Kirchen am Wegesrand.

Es war eine intensive Zeit, allein mit sich, mit den Gedanken, die während des Gehens kommen, in der Natur. Vieles hat Matthias Ernst für sich mitgenommen. Etwa, dass er grundsätzlich mit seinem Leben zufrieden ist. „Wichtig sind mir die geistigen Werte“, sagt er, „wie ein Pilger möchte ich keinen unnötigen Ballast mit mir schleppen.“ red

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