Lokalsport Bergstraße

Bensheimer Sportlerwahl Wolfgang Lenhardt holt Zeitfahrer-Titel in der Altersklasse 70

Nach Rippenbruch als Weltmeister durchgestartet

Archivartikel

Bensheim.Besonders lang dauert das Vergnügen beim Einzelzeitfahren nicht, berichtet Wolfgang Lenhardt. „Die ersten 300 bis 500 Meter machen Spaß, der Rest der Strecke besteht aus Schmerzen.“ Der Radsportler aus Elmshausen, der für die SSG Bensheim startet, muss es wissen. Das Einzelzeitfahren ist seine Spezialität, im einsamen Kampf gegen die Uhr hat er viele Siege eingefahren. Den größten Erfolg in dieser Disziplin erreichte er im vergangenen Sommer mit dem Gewinn der Weltmeisterschaften in der Altersklasse 70 bis 74 Jahre im österreichischen Sankt Johann.

Die 20 Kilometer-Distanz absolvierte Lenhardt in 28:32 Minuten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 42 km/h und hatte am Ende sieben Sekunden Vorsprung auf den Zweitplatzierten. „Eigentlich könnte ich jetzt aufhören, ich habe mein Ziel erreicht“, sagt Lenhardt mit Blick auf den Gewinn des WM-Titels, auf den er lange hingearbeitet hatte.

Obwohl der 70-Jährige damit ganz oben angekommen ist und sich seinen größten sportlichen Wunsch erfüllt hat, will er seine Karriere fortsetzen – so lange es sich für seinen Körper und Geist gut anfühlt. „Ich denke, es geht für mich noch ein bisschen weiter.“

Erst mit 55 Jahren ist der selbstständige Schweißer, der heute noch seinem Beruf nachgeht, zum Straßenradsport gekommen. Zuvor war er sportlich auf unterschiedlichen Pfaden unterwegs: Bogenschießen, Windsurfen, Motorrad-Straßenrennen, Kraftsport. Seine Frau Monika brachte ihn zum Mountainbike-Fahren. Ungewöhnliche Sportarten, verbunden mit Geschwindigkeit und einem Hauch Abenteuer, haben ihn schon immer interessiert, erzählt er.

Beim Straßenradfahren reizt ihn die Trainingsplanung und die damit verbundene Frage, ob man die Übungseinheiten beziehungsweise den Formaufbau so gestalten kann, dass man zum gewünschten Zeitpunkt tatsächlich seine Top-Leistung aufs Rad bringt. Man kann, wie sein Erfolg bei der WM belegt. Wolfgang Lenhardt schreibt seine Trainingspläne seit Jahren selbst, pro Woche trainiert er sechsmal.

Trotz dieses enormen Umfangs kann er den Schmerzen des Einzelzeitfahrens nicht entkommen. Wichtig ist, mit dieser körperlichen Pein umgehen zu können, die Gedanken wegzulenken, ohne die Konzentration für das Wesentliche, mit aller Kraft in die Pedale treten, zu verlieren, erklärt der Radsportler. Also einfach an etwas Schönes denken? „Auf gar keinen Fall, dann hat man sofort verloren“, antwortet der gebürtige Heppenheimer. Er konzentriert sich auf die Anzeigen an seinem Lenker, die ihm Geschwindigkeit oder Wattleistung mitteilen. „Das funktioniert bei mir ganz gut.“

Zu Beginn des Jahres sah es nicht danach aus, als könnte Wolfgang Lenhardt 2019 einen großen Coup landen. Im Februar zog er sich bei einem Radsturz schwere Rippenfrakturen zu, kämpfte sich aber mit Willen und Disziplin zurück. Beim Traditionsrennen Eschborn-Frankfurt (früher „Rund um den Henninger Turm“) am 1. Mai belegte er Platz fünf in seiner Altersklasse. Einige Tage später landete er bei den Hessischen Straßen-Meisterschaften ebenfalls auf Rang fünf. Er holte sich den hessischen Landestitel im Einzelzeitfahren und gewann zudem das Bergzeitfahren am Freiburger Hausberg Schauinsland, ehe er seine Saison im Spätsommer mit dem WM-Triumph in Tirol krönte. eh

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