Lorsch

Theater Sapperlot Die charmant-pampige Tina Teubner begeistert mit klugem Chanson-Kabarett

Anrührend, intelligent und mit feinem Gespür

Archivartikel

Lorsch.Es gibt Kleinkunstabende, da will man nicht nach Hause. Würde sich am liebsten am Mobiliar festketten und unter Androhung eines mehrwöchigen Hungerstreiks eine ausgiebige Verlängerung des Bühnenprogramms erwirken. Die Begegnung mit Tina Teubner gehört zu dieser selten angekreuzten Kategorie. Die wunderbare Künstlerin servierte im Theater Sapperlot Lieder, Kabarett und gepflegten Unfug der Luxusklasse. Anrührend, virtuos, intelligent und mit feinem Gespür für die komischen Momente im Ernsten. Und umgekehrt.

„Wenn Du mich verlässt, komm` ich mit“, heißt das zweistündige Gesamtkunstwerk, das in seiner künstlerischen Autarkie und freiheitlichen Qualität seinesgleichen sucht. Anbiederung, politische Korrektheit und abgewetzte Pointen bleiben aus. Selbst das wiederkehrende Thema Männer, und hier insbesondere die geschlechterspezifischen Eigenarten, wird weitgehend ohne ausgelatschte Klischees erörtert. Das Publikum dient der gebürtigen Hessin (Witzenhausen) als gesellschaftlicher Spiegel, Sparringspartner und kollektive Labormaus.

Die mit dem Deutschen Kabarettpreis und dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnete Sängerin, Kabarettistin und Musikerin präsentierte sich in Lorsch gewohnt schlagfertig und Rotwein-durstig. Tiefenentspannt und Violine spielend machte sie selbst aus einem kleinen, flott behobenen Kabelproblem eine virtuose Miniatur. Wie immer begleitet von ihrem Leib- und Magenpianisten Ben Süverkrüp, der seiner Partnerin als Sidekick und vielseitiger Geräuschproduzent diente. Allein dessen brillantes Baby-Schreien in dem famosen Duett über das zur Effizienz getrimmte Baby „Armer Emil“ ist zum Brüllen. Der Song ist eine pränatal-verstimmte, bitterböse Fruchtbarkeitshymne von höchster Sprachvirtuosität und lyrischer Schärfe.

Lebenslustige Trauerarbeit

Überhaupt Männer. Dass die unbedingt auch Grenzen brauchen, betont die Teubner, die einen gleichnamigen Erziehungsratgeber verfasst hat und die Spezies auf der Bühne immer wieder als Beispiel für die dramatischen Momente ihres künstlerisch erhöhten Welttheaters vor sich her treibt. Ihr Programm ist vieles: selbstironische Reflexion, lebenslustige Trauerarbeit und kritische Analyse des „optimierten Lebenswahns“, den Teubner mit Mut zur Wahrhaftigkeit und bittersüßer Selbsterkenntnis immer wieder ad absurdum führt. „Unsere Kinder sollen Individuen sein, aber genauso wie die anderen.“

Mit sarkastisch verschnörkelter Menschenliebe, tiefer Weisheit und betörendem Humor führt sie dem Publikum vor Augen, was jeden Tag letztlich so wertvoll macht. Dabei zitiert sie Roger Willemsen mit den Worten, man könne das Leben nicht verlängern, nur verdichten. In großartigen Liedern werden diese Themen klanglich ausformuliert und künstlerisch virtuos kommentiert. Tina Teubner packt ihr Publikum dort, wo es wehtut. Aber es ist ein angenehmer Schmerz, der aus Wunden der Erkenntnis - frei von bakteriellen Platitüden - heraus blutet und hinterher umso reißfester verwächst, nicht ohne Narben im Gehirn der Zuhörer zu hinterlassen. Pointen detonieren wie Tretminen dort, wo man sie am wenigsten erwarten würde. Teubner hat mehr Fragen als Antworten, doch im Theater Sapperlot sieht man es im Laufe des Abends über den Köpfen der Menschen immer häufiger vor erleuchtenden Erkenntnissen flackern. Selten wird schlechte Laune so lebensbejahend in Szene gesetzt. Denn am Ende ist es bei aller Gesellschaftskritik und Menschenleid das Glück, dem die Sängerin den alleinigen Herrschaftsanspruch zuspricht.

Aufruf zu mehr Revolte

Und was nimmt man mit aus diesem multipel schönen Abend? Dass das Alter etwas Gutes ist, weil man in mondänen Badeorten entspannen kann und nicht mehr auf versifften Campingplätzen Geld sparen muss. Dass Frauen ab 50 keineswegs unsichtbar werden (sie ist Jahrgang 1966 und der lebende Beweis) und man die ohnehin recht kurze irdische Existenz nicht mit dummen Optimierungszwängen belasten sollte. Mit gelassener Souveränität durchpflügt Teubner den Alltag, in dem sie zu weniger Demokratie und mehr Revolte aufruft. Am Ende bleibt ein sanftes „Guten Abend, gut’ Nacht“ zur singenden Säge. Und ein kleines Theater, das man – ob man wollte oder nicht – dann doch irgendwann verlassen musste.

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