Lorsch

Theater Sapperlot Die „Katz im Sack“ mit Kabarettist Andreas Rebers entpuppte sich als bissiger Tiger

Auch Ben Cartwright war alleinerziehend

Archivartikel

Lorsch.Ein Festessen für Kabarett-Genießer, und eine bittere Pille für die Freunde des braven Mainstreams: Die jüngste „Katz im Sack“ im Sapperlot entpuppte sich als richtig bissiger Tiger. Kein Geringerer als Andreas Rebers rollte zwei Stunden das Theater auf. Subtil, böse, ätzend, respektlos, wahrhaftig.

Mit „Amen“ hat Rebers den vorläufig letzten Teil seiner Glaubens-Trilogie vorgelegt. Damit bombt der „Blockwart Gottes“ alles aus, was nach Scheinheiligkeit, Täuschung oder sonstiger Verarsche stinkt. Sein Programm ist eine öffentliche Kampfansage für Radikale, Dogmatiker und Rattenfänger aller Länder. Der 56-Jährige Autor, Liedermacher und politische Kabarettist analysiert, was schiefläuft, ohne sich mit irgendeinem Lager gemein zu machen. Das ist erfrischend mutig und rangiert weit abseits der üblichen Moralkeule, wie sie die klassischen „Empörungsdienstleister“ gewinnbringend (für sich selbst jedenfalls) auf der Bühne schwingen.

Ein Freigeist

Rebers ist anders. Grundsätzlich. In seinem Überraschungsgastspiel in Lorsch schonte er nichts und niemanden. Auch nicht sich selbst. Energiegeladen und kraftvoll, dann wieder lyrisch und leise. Sein Extremismus offenbart sich in einer unbändigen Liebe zu den Menschen – auch wenn das manchmal anders klingt. Er glaubt an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand, trotz ständiger Enttäuschungen und humanen Katastrophen. Er kritisiert den politischen Islam genauso wie das politisch orientierungslose Reagieren auf die AfD. Das hat ihm bereits Applaus von der falschen Seite eingebracht. Doch vereinnahmen lässt sich der Freigeist von keiner Seite, weder rechts noch links. Simple Weltbilder und bequemes Schwarz-Weiß-Denken verabscheut er. Rebers ist einer, der sich seine geistige Unabhängigkeit bewahrt hat. Auch, wenn das die konventionellen Floskeln und Mechanismen des Bürgertums bisweilen ordentlich durcheinander wirbelt. Im Sapperlot sind mindestens zwei Gäste vorzeitig verschwunden. Ein am Rande erwähnenswerter, aber nicht relevanter Schwund.

Andreas Rebers sei dies gewohnt, sagt er. „Ich habe die zweite Hälfte selten gespielt“, kommt er aber dann doch ins Kokettieren. Der Mann ist hoch gelobt, oft prämiert und in der Kleinkunst-Szene viel gestreichelt. „Rebers muss man mögen“, titelte Kapitel zwei der Trilogie. Die Geschmacksfrage schwingt hier ebenso mit wie ein unbedingter Liebesbefehl. Selbiger ist leicht zu befolgen, wenn man die Offenlegung von Selbstgefälligkeit, seifiger Arroganz und kaum verschleiertem Narzissmus als hehre Aufgabe der Kunst und ihrer Aktivisten versteht. Statt die Vertrauensfrage zu stellen lobt er den misstrauischen Menschen als die grundsätzlich bessere Variante. „Wenn man Wahrheiten wegschließt, werden sie giftig!“ Geschickt spielt Rebers mit Verführung und Provokation, Herdentrieb und geistiger Autarkie. Das Publikum findet sich auf einem Minenfeld wieder, auf dem jeder Schritt in einer neuen Wendung explodieren kann. Rebers zeigt uns eine Gesellschaft im Endstadium, eine degenerierte Zivilisation voller absurder Phänomene und entrückter Zeitgeist-Erscheinungen. Mit jedem weiteren Satz werden die Erwartungen des vorherigen Moments zertrümmert. Das ist amüsant, anregend und unfassbar kurzweilig.

Sternstunde

Erweitert wird „Amen“ durch musikalische Intermezzi an der Orgel. Unter anderem mit einer Hommage an Franz-Josef Degenhardt. Auch an den Tasten hat er Spaß an der Verunsicherung. Plötzlich donnert er eine schlesische Polka am Akkordeon – ein Schnipsel aus einem früheren Programm. Überhaupt wird einiges recyclet, was aber nicht schlimm ist: ein Gourmet-Menü verliert aufgewärmt wenig von seinen Aromen. „Wenn Gesine Schwan behauptet, der Terror sei hausgemacht, dann kann ich nur sagen: Das Einzige, was hausgemacht ist, ist die AfD.“ Bei ihr habe er ohnehin den Eindruck, dass in deren Vogelnest auf dem Kopf Beatrix von Storch brütet.

Auf der Bühne wettert er gegen dicken Prekariats-Nachwuchs(„Früher waren eher die Unternehmerkinder fett“), hasenfüßige Heulsusenpädagogik, „scharrende Weiber“ und das ewige Gemaule über benachteiligte Alleinerziehende: „Hey! Auch Ben Cartwright war alleinerziehend!“, stellt Andreas Rebers fest. „Und der hatte neben zwei Brüdern und einem illegalen Chinesen noch die ganze Ponderosa am Hacken.“ Langer Applaus für eine Sternstunde im Sapperlot.

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