Lorsch

Theater Sapperlot Ein geistreicher und nachdenklich stimmender Abend mit dem Kabarettisten Stefan Waghubinger

Die große Welt im Kleinen erklärt

Archivartikel

Lorsch.„Jetzt hätten die guten Tage kommen können“, titelt das aktuelle Programm von Stefan Waghubinger. Doch es geht schief. Auf dem Dachboden seines Elternhauses kollidiert er mit den biografischen Requisiten seines Lebens, die ihn zu einer philosophischen Reise durch gesellschaftliche Abgründe inspirieren. Der Österreicher entdeckt sich selbst und erklärt die Welt. Ein geistreicher und nachdenklich machender Abend im Theater Sapperlot, wo der Kabarettist, Cartoonist und Theologe am Samstag mit seinem dritten Solo gastierte.

Waghubinger hat die Kanzel mit der Bühne getauscht. Ein Missionar des besseren Lebens, der mit einem verbalen Augenzwinkern kommentiert und dabei konturenscharf in seelische Abgründe und zivilisatorische Tiefen blickt. Hochgradig unterhaltsam, unbemüht klug und null besserwisserisch. In kindlicher Unbekümmertheit und neugieriger Naivität analysiert er seinen Lebensraum auf Bauart, Funktionsweise und Sollbruchstellen.

Beziehung mit Endzeitdatum

Auch seine Beziehung scheint ein eingebautes Endzeitdatum zu haben. Sie erträgt seine Nähe nicht mehr und entscheidet, was für beide besser ist. „Ich will nicht schlecht über meine Frau reden, aber wer soll es denn sonst tun?“ In seinem räumlich abgesteckten Innenleben – eine abgedunkelte Bühne – reflektiert Stefan Waghubinger die persönliche Vergangenheit am Scheideweg in eine fragwürdige Zukunft. Zwischen verstaubten Erinnerungsbeschleunigern bewegt er sich zurück in die Vergangenheit, kommt von kaputten Toastern und elektrischen Zahnbürsten auf sexuelle Irrfahrten und religiöse Überzeugungen. Einst habe der Familie ein ausgedienter Hamsterkäfig als Weihnachtskrippe gedient. „Das Stroh war ja schon drin!“ Ein symbolisches Glaubensbekenntnis in einer verlassenen Tierbehausung.

Die Zäune zum Publikum werden sofort eingerissen. Waghubinger geht duzend an die Front, schafft Vertrauen und zieht die Zuschauer auf seine Ebene hinauf. Seine Gedanken wirken wie live produziert, komprimiert in einem leisen Kammerspiel aus Emotionen und Assoziationen, die mit feinem Faden zusammengenäht werden.

Ein sanfter Mensch in der Lebensmitte, der Schlüsse zieht und Zusammenhänge erforscht, ohne sich auf tiefer gehende Denkübungen einzulassen. Vielleicht ist es die Angst vor einer kalten, nackten Wahrheit, die ihn zum intellektuellen Zögern und Schönreden animiert.

Stefan Waghubingers Figur ist kein Fremdling, sondern vertrautes Element, das viele in sich aufspüren können. Ein Erwachsener, der die Geister der Kindheit nicht los wird und sich nur schwer mit ihnen arrangieren kann. Geschliffene Texte schweben federleicht durch den Raum. Schöne Sätze werden nicht dramatisch deklamiert, sondern tänzeln frivol in den Mundwinkeln. „Von Gott können die Religionen noch viel lernen.“

Keine schwarze Messe

Tieftraurig geht es auf diesem Speicher zu, doch der Wiener, der seit 25 Jahren in Deutschland lebt, kriegt immer wieder die Kurve, damit aus seiner dunklen Bestandsaufnahme keine schwarze Messe wird. Philosophische Träumereien prallen auf harte Fakten, trübsinnige Analysen werden erhellt von Wortwitz, Pointen und satirisch-sarkastischen Fußnoten. Wenn Menschen fliehen, könne er das verstehen, sagt Stefan Waghubinger. „Doch wenn die alle in meine Richtung fliehen, dann weicht man eben aus. Der eine nach links, der andere nach rechts.“

Das Leben ist wie Mamas Pilzsuppe: Die hat er auch nie richtig gemocht, aber stets brav ausgelöffelt. Und dass man darin immer ein Haar findet, wenn man danach sucht, hat einen Grund: „Es ist auch immer eins drin!“

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