Lorsch

Kultursalon Im Theater Sapperlot ging es bei der jüngsten offenen Bühne vor allem musikalisch zu / Puppenshow und Kabarett

Kantig, klug, politisch inkorrekt

Archivartikel

Lorsch.Was für ein bezauberndes Finale: Sabine Murza alias Murzarella aus Baden-Baden ist Deutschlands einzige Frau, die als Bauchsängerin auftritt. Am Dienstag betörte sie im Theater Sapperlot das Publikum und wurde für ihre musikalische Puppenshow beim Kultursalon frenetisch gefeiert. Ein erfrischend amüsanter Auftritt, selbstironisch und klug, charmant und bei aller Professionalität und saftigen Komik sympathisch unprätentiös.

Ein Kakadu, eine Kanalratte und die schrullig elegante Frau Adelheid sangen im Terzett und eroberten die alte Tabakscheune im Akkord. Im schnellen Wechsel der Stimmlage ließ die Künstlerin ihr flauschiges Ensemble auf die Zuhörer los. Der Vogel trällerte Helene Fischer, der freche Nager mit Pott-Slang und Schalke-Schal AC/DC und als Höhepunkt stimmte Madame Adelheid die Arie der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“ an. Sabine Murzas multiple Persönlichkeit war der Star des ohnehin musikalischen Abends.

„Geld verdirbt den Charakter“, sang Piano-Entertainer Daniel Helfrich, als am Ende der Hut kreiste. Mit Blümchen auf dem Sakko und Sonne im Herzen hatte der Moderator wieder einen bunten Frühlingsstrauß an Kollegen aus der gesamten Republik im Kultursalon begrüßt, darunter auch den Klavierkabarettisten Pascal Franke, der mit Hosenträgern und Buchhalterbrille harmloser aussah, als er ist.

Geboren in Nürnberg, aufgewachsen und wohnhaft in Frankfurt, gehört Franke zu einer neuen Generation im Kleinkunst-Biotop: klug, politisch inkorrekt und extrem musikalisch. Seine vermeintlich gefälligen Lieder entpuppten sich bald als bitterböse Abrechnungen mit aufdringlichen Mädchen oder als Abhandlung medizinisch-legendärer Gebrechen. „Göttlich“ heißt sein erstes Programm, das durch musikalische Qualität und inhaltliche Vielfältigkeit auffällt. Frankes Kompositionstalent offenbart sich in kantigen Rhythmen und scharfe Texte. Die schwarzen Tasten scheint er am meisten zu mögen.

Auch Sven Garrecht ist an der Klaviatur zuhause. Mit groovigen Songs und einer leichtfüßigen Liedermacher-Attitüde gab er sich als lässiger Salonlöwe mit Chansons auf den Lippen und einem Hauch vom frühen Götz Alsmann in der Stimme. In „Lieb mich analog“ sang er über die Freuden der physischen Zuneigung, und im „Kleinstadt-Tiger“ widmete er sich den gesetzten Herren, die mit neuen Hüften über engen Hosen jungen Mädchen hinterherschleichen und nicht aufhören können, ihr verlorenes Revier zu markieren.

Trump oder Wallraff?

Autor, Regisseur und Kabarettist Gernot Voltz servierte Ausschnitte aus seinem fünften Soloprogramm „Die Kunst, bei sich zu bleiben, ohne aus der Haut zu fahren“. Voltz, der auch als „Herr Heuser vom Finanzamt“ bekannt ist, hat immer die nächste Pointe parat und die ganze Welt im Visier. Seine satirischen Skizzen: Putin war beim Proktologen (er hat Gerhard Schröder im Enddarm), Trump ist wahrscheinlich doch Günter Wallraff, und beim Anblick einer Beatrix von Storch frage er sich: „Wo bleibt eigentlich die Vogelgrippe, wenn man sie braucht?“ Voltz gibt den Biedermann nicht als, sondern gegen die Brandstifter. Motto: Es bringt nichts, Beruhigungstee zu trinken und sich dann aufzuregen, wie blöd der schmeckt.

Mit Olaf Bossi war ein Kandidat für den ersten Lorscher Abt ins Sapperlot zurückgekehrt. Der Stuttgarter präsentierte einen Vorgeschmack auf sein neues Programm „Endlich Minimalist“, das im Herbst starten soll. Untertitel: „Aber wohin mit meinen Sachen?“ Darin hadert Bossi mit der privaten Entschlackung des Inventars in einer Umgebung, die ständig nach Neuem schreit. Im Sapperlot berichtete er tapfer von Erfolgen und Niederlagen beim familiären Ausmisten.

Bernhard Westenberger ist Mitte 50 und denkt ebenfalls über das Leben nach. In „Teufels-Greis“, seinem dritten Solo, bewegt er sich im freien Fall zwischen einsetzender Demenz und beginnender Altersweisheit. In einem enorm kurzweiligen und urkomischen Auftritt fragte er sich der Mann aus dem Taunus, was das alles noch soll und – viel wichtiger – ob sich das überhaupt noch lohnt. „Ich habe mich vor kurzem gefragt, wie viel Mal ich in meinem Leben noch tanken werde!“ Das Blau der Aralstation als ewiges Lichtlein einer verblühenden Existenz.

Ausgarniert wurde der Kultursalon – das kunterbunt gestrichene Vorzimmer des Kleinkunstpreises Lorscher Abt – von musikalischen Häppchen aus der Feder von Daniel Helfrich. Unter anderem mit einem taktlosen Song über die Taktlosigkeiten bestimmter Zeitgenossen. Würziges Klavierkabarett mit einem veritablen Frechdachs an der Tastatur.

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