Lorsch

Theater Sapperlot Überraschungsgast Bülent Ceylan eroberte den Kultursalon

„Monnemer Türk“ mischt Lorsch auf

Archivartikel

Lorsch.Viele wussten nichts. Wenige ahnten etwas. Aber alle waren baff, als er dann doch tatsächlich durch den Vorhang kam: Das gespannte Warten auf den Spontanauftritt von Bülent Ceylan im Theater Sapperlot hat ein Ende. In dieser Woche stoppte der Mannheimer Comedian auf dem Weg zurück von Köln im Lorscher Kultursalon. Das Publikum tobte.

„Ich will ein Kind von Dir“, klang es vom Balkon herunter, als Moderator Daniel Helfrich die Bühne für den Stargast freigab. Der Musikkabarettist und Entertainer hatte den Besuch Ceylans bereits Ende letzten Jahres angekündigt, doch das Live-Lineup des jeweiligen Abends bleibt bis zuletzt unter Verschluss.

„Früher war ich Komiker. Jetzt als Ü-40er fange ich auch schon mal an zu denken“, meinte Ceylan, der zuletzt mit seiner offenen, und durchaus mutigen Kritik am türkischen Präsidenten Erdogan für Aufmerksamkeit – und für Applaus – gesorgt hat. Auch in seinem mittlerweile zehnten Soloprogramm „Lassmalache“, das in Lorsch nur kurz angerissen wurde, schlägt der „Monnemer Türk“ kritische Töne an.

Labile Diktatoren im Stuhlkreis

In einer Nummer versammelt er die Autokraten dieser Welt in einer nicht ganz so anonymen Selbsthilfegruppe für machtbewusste Choleriker: Putin, Erdogan, Trump und Kim Jong-un als explosiver Stuhlkreis labiler Diktatoren. „Ich beherrsche leider kein Nordkoreanisch“, erklärt der Comedian, und lässt Kim Jong-un sächseln. „Das ist der östlichste Akzent, den ich kann!“ Klare Kante zeigt der Spaßmacher auch bezüglich Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, was in Lorsch ebenfalls lautstarken Beifall verursacht.

Besonders, wenn er locker vor sich hin monologisiert und dabei immer wieder improvisiert, reiht sich im Publikum Lacher an Lacher. Fast keiner der großen Comedians beherrscht das so wie Ceylan, einer der Sympathieträger der Szene. Das wurde auch im Sapperlot wieder überdeutlich.

Ein lässiger Auftritt

Im Plauderton erzählt er von seinem deutschen Onkel Heinrich Merkel („Angela ist aber nicht meine Tante“), von den realen Auslösern seiner Bühnenfiguren und von den verschiedenen Lach-Typen der menschlichen Spezies. Die üblichen 20 Minuten in der Kultursalon-Dramaturgie wurden deutlich gesprengt. Die Zuschauer wollten den Mannheimer nicht ziehen lassen. Nach einer kurzen Fragerunde mit dem Publikum wurde Ceylan auch im Hof von Fans belagert. Ein lässiger Auftritt, der dem Abend ein zusätzliches Funkeln geschenkt, ihn aber nicht vereinnahmt hat. „Ihr tobt jetzt bei den folgenden Künstlern bitte genauso“, meinte Ceylan vor seinem Abgang.

Das war vor allem bei Klaus Renzel gar nicht schwer. Der Kabarettist und Musiker aus Münster nutzt seinen haarlosen Kopf nicht nur als Arbeitsfläche für diverse Accessoires wie diverse Pfropfen und Pömpel – auch unter der Schädeldecke blubbert ein waches Hirn mit grandiosen Ideen. Brillant, wie er in Zeitlupe auf die Bühne kommt, noch genialer, wie ein schwarzer Luftballon pantomimisch zur schweren Kanonenkugel wird. Mit Miniverstärker und Baby-Gitarre zerfetzt er Freejazz, Beethoven und Kinderlieder. Renzel ist ein Ein-Mann-Improvisationszirkus aus Mimik, Musik und magischen Momenten. Langer Applaus für diesen außergewöhnlichen Mix.

Eingeläutet wurde der Abend von Luca Brosius. Der 25-Jährige Saarländer aus Blieskastel hat eine großzügige Projektionsfläche für mimische Darstellungskunst, die bisweilen ein wenig an Mr. Bean erinnert. Beim Mannheimer Comedy Cup wurde das Talent vor wenigen Wochen zum besten Newcomer 2018 gekürt. Fein war seine stumme Charakterisierung verschiedener Tanz-Typen, geradezu umwerfend seine Parodien von Cem Özdemir, Jogi Löw und Reiner Calmund.

Der fränkische „Liederchaot“ Atze Bauer war nicht zum ersten Mal im Salon. Sein Mix aus Songs, Persiflagen und Parodien war ein nettes Intermezzo in der ersten Hälfte. Auch Florian Simbeck ist ein alter Bekannter der Szene: Bekannt geworden als Stefan im stets „krassen“ Duo Erkan & Stefan, das sich 2007 aufgelöst hatte. In seinem Solo seziert er den Alltag unter der Comedy-Lupe und findet den Teufel in jedem leidvollen Detail. Seiner Tochter muss er erklären, dass ein i-phone nicht auf dem apple-tree wächst, und dass ein Anorak kein Outdoorfahrzeug, sondern ein recht abgelegter Begriff für eine Winterjacke ist.

Zum Finale wurde es richtig hessisch: Der Schauspieler, Choreograph und Travestiekünstler Thomas Bäppler-Wolf alias Bäppi La Belle ist nicht nur Stadtverordneter im Frankfurter Parlament, sondern auch ein mit allen Wassern gewaschener Conférencier und Entertainer. Seine Nahaufnahmen aus dem Alltag im Frankfurter Nordend sind so schrill und lustig wie der Original selbst. Zusammen mit Pianist Gabriel Groh servierte er einen tollen Abschluss des letzten Kultursalons vor der Sommerpause.

Aus dem vor zehn Jahren gestarteten Format werden seit 2014 die Kandidaten für den Kleinkunstpreis Lorscher Abt herausgefiltert, der am 16. Oktober zum fünften Mal vergeben wird. Koordiniert und moderiert von Daniel Helfrich, der das Programm am Dienstag unter anderem mit einem Song von Ulrich Roski angereichert hat. „Man darf alles nicht so verbissen seh’n.“ Eigentlich auch eine Art Motto der Reihe.

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