Lorsch

Lauresham Beim zweiten Tag der offenen Tür im Freilichtlabor stellten Forscher ihre Projekte hautnah vor

Schmieden und pflügen wie im Mittelalter

Lorsch.Zum zweiten Mal hat im Freilichtlabor Lauresham ein Tag der offenen Tür stattgefunden, unter dem Motto „Experimentelle Archäologie erleben“. Zahlreiche Mitmachangebote luden sechs Stunden lang zum Forschen und Erleben ein. Im modellhaften Nachbau eines karolingischen Herrenhofs präsentierten Wissenschaftler, Experten und Hochschüler, ihre Projekte. Darunter ein Beispiel für spätantikes Unternehmertum in der Keramikbranche und eine Darstellung vor- und frühgeschichtlicher Imkerei.

Auf dem weitläufigen Gelände konnten die Gäste bei der Getreideverarbeitung zuschauen, Stoffe färben oder die landwirtschaftliche Arbeit mit Zugrindern beobachten. Pflügen live mit starken Ochsen: Der Regen am Vortag hatte dafür ideale Bedingungen geschaffen.

Die Fortsetzung der Premiere war erneut ein erfolgreiches Beispiel dafür, wie man die Vergangenheit plastisch, präzise und unterhaltsam in die Gegenwart bringen und dabei eine Menge Wissen vermitteln kann. War die Erstauflage selbst noch ein wissenschaftliches Experiment, so konnte sich die Wiederholung bereits auf zahlreiche „Wiederholungstäter“ verlassen. „Wir waren schon letztes Jahr hier, konnten aber nicht alle Vorträge miterleben“, so ein älteres Paar aus Heppenheim nach einem Referat von Brendan O`Neill über frühmittelalterliche Lehmgefäße. O´Neill setzte damit die 2018 gestartete Reihe der „Lauresham Lectures“ fort, die internationale Wissenschaftler nach Lorsch bringt.

Viele Kinder gruppierten sich mit Stockbrot ums Lagerfeuer oder schauten dem Schmied zu. Frank Trommer zeigte den Weg vom Erz zum Messer, präsentierte Schwertformen und Schmiedetechniken. Als Archäotechniker ist Trommer vor allem auf die Bronzegusstechniken und der Eisenverarbeitung vom Rennfeuer bis zum Schmieden spezialisiert. „Meine Versuche im Rahmen der experimentellen Archäologie richten sich nach aktuellen Erkenntnissen“, erklärte er in Lorsch. Die Ergebnisse demonstriert er bei Veranstaltungen und Kursen wie in Lauresham. Vor allem die jungen Besucher waren Feuer und Flamme für die Künste des Handwerkers, der Waffen aus Damaststahl, bronzene Pfeilspitzen und gravierte Messer fertigte. Sein Repertoire reicht von der Steinzeit bis ins Mittelalter.

Historische Landwirtschaft

Die Gäste hatten den Experten viele Fragen mitgebracht. Eine davon: Was sind Wölbäcker? Das hat nichts mit Backen zu tun, beziehungsweise: letztlich doch. Allerdings handelt es sich bei dem Begriff (das ä markiert den Plural) um eine besondere Form der Landwirtschaft. Es geht also um einen Acker. Besser gesagt um Beete, die im Mittelalter wellenförmig angelegt wurden. Möglicherweise ging es um die bessere Entwässerung feuchter Böden, die Anreicherung von Nährstoffen und Humus oder eine sichtbare Grenzziehung zwischen mehreren Nutzern.

Noch heute sind Wölbäcker zumeist unter aufgeforstetem Wald des 18. und 19. Jahrhunderts nachweisbar. Die bis zu 15 Meter breiten, bis zu einem Meter hohen und mitunter über 1000 Meter langen Flurrelikte lassen sich mit der Methode eines Laserscannings aus der Luft erfassen und zeichnen sich als parallel verlaufende Strukturen im Gelände ab.

In Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Bodenbiogeochemie am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg führt das Freilichtlabor mit seinem Leiter Claus Kropp ein Wölbackerexperiment durch. In Lorsch werden durch Arbeitstechniken des Mittelalters und Zugochsen mehrere Wölbäcker angelegt und über mehrere Jahre bewirtschaftet.

Für die Rekonstruktion eines irischen Pflugs in Kooperation mit der Universität Dublin wurde das Freilichtlabor mit einem internationalen Forschungspreis für Experimentalarchäologie, dem EXARC-Twinning Award, ausgezeichnet. Im Netzwerk EXARC sind rund 300 Mitglieder in 40 Ländern vereint, um in Freilichtmuseen und Forschungsinstituten Initiativen zum Thema experimentelle Archäologie zu entwickeln.

Ein paar Meter weiter wurde die Funktion von Grubenhäusern erläutert, die häufig bei Ausgrabungen frühmittelalterlicher Siedlungen entdeckt wurden. 2017 wurde in Lorsch ein Sechspfostengebäude auf der Grundlage von Grabungsfunden aus dem 7. Jahrhundert nachgebaut. Auch Aspekte wie Raumklima und Heizbilanz in Häusern sind keine modernen Erfindungen. Schon früher ging es darum, wie man es innen warm haben konnte, ohne dass einem am Feuer die Luft ausgeht.

Im Freilichtlabor erfuhr man auch, dass Bienen bereits die Entwicklung der Steinzeitmenschen beflügelt haben. Archäologen haben auf prähistorischen Funden aus Mitteleuropa Spuren von Bienenwachs entdeckt – ein Indiz dafür, dass die Frühmenschen bereits Bienenvölker kultiviert haben könnten, wenngleich die Imkerei als Kulturleistung des modernen Menschen gilt. Ein spannendes Thema, bei dem viele einheimische Besucher wohl an den Lorscher Bienensegen aus dem 10. Jahrhundert dachten.

Neben Projekten und Fachvorträgen im Stundentakt beteiligten sich etliche Kooperationspartner am zweiten archäologischen Mitmachtag. Darunter der Verein Altbergbau Bergstraße-Odenwald, das Museumsdorf Düppel bei Berlin, das Kuratorium Welterbe Kloster Lorsch und der Förderkreis Große Pflanzenfresser im Kreis Bergstraße.

Am Nachmittag stellte die Direktorin der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten, Kirsten Worms, die neue Ausgabe des Magazins zu den Erkenntnissen des Freilichtlabors unter dem Titel „Laureshamensia II“ vor. Das zweite Heft der Reihe enthält Beiträge zur Rekonstruktion eines karolingischen Schwertes und über die Dürre des Jahres 2018 aus der Perspektive einer frühmittelalterlichen Selbstversorgungswirtschaft. Auch die Museumspädagogik war am Sonntag mit einem Team dabei. tr

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel