Lorsch

Arbeitswelt In Lorsch gibt es seit einigen Jahren Coworking / Bürogemeinschaften beliebt / Kein Stress mit Hin- und Wegräumen

Schreibtisch mieten statt im Home Office alleine ackern

Lorsch.Selbstständig sein und dennoch Kollegen um sich haben – wo gibt es denn so etwas? Beim Coworking zum Beispiel. Diese Form einer modernen Bürogemeinschaft gehört zu den neuen Trends in der Arbeitswelt. Die Berufstätigen nutzen Infrastruktur vom Drucker bis zur Teeküche zusammen, arbeiten aber unabhängig voneinander, oft in unterschiedlichen Branchen und zeitlich flexibel ganz nach individuellem Wunsch. In vielen großen Städten sind die mietbaren „Coworking Spaces“ inzwischen selbstverständlich. Dass es das Angebot auch in der Kleinstadt Lorsch gibt, würde dagegen nicht jeder vermuten.

Idee aus hippen Großstädten

Schon seit mehr als fünf Jahren aber können Interessierte Coworking-Schreibtische dort buchen – und die Möglichkeit wird rege nachgefragt. Die Entwicklungsgesellschaft Lorsch (EGL) hat die Idee, die ursprünglich aus den USA und aus Städten mit hippen Gründerszenen stammt, in die Realität umgesetzt. Die Büroplätze befinden sich mitten im Zentrum, Parkplätze sind auf dem Areal hinter der Volksbank in der Bahnhofstraße reserviert.

Für eine kleine Stadt sei Coworking ein „innovatives“ Projekt gewesen, bestätigt EGL-Geschäftsführer Matthias Herbener auf Nachfrage. Die Entwicklungsgesellschaft sei anfangs ins Risiko gegangen mit dem Vorhaben. Das Pilotprojekt ist nach Auskunft der Initiatoren immer noch recht einmalig im Kreis Bergstraße. Thema ist es aber in vielen Kommunen. In Lampertheim etwa wurde gerade darüber diskutiert, ob sich Leerstände mittels Coworking neu beleben lassen.

Einsam ohne Kollegen

In Lorsch wurde früh auf die Anregung reagiert, dass es wenig Angebote für Einpersonen-Büros gibt. Natürlich arbeiten viele Berufstätige gern von daheim aus. Es gibt aber auch zahlreiche Gründe, die gegen ein dauerhaftes Home-Office sprechen. EGL-Projektleiterin Ann-Kathrin Riedel weiß aus Gesprächen, dass Beschäftigte nicht selten über Einsamkeit klagen. Und Mütter, die der Kinder wegen von zu Hause aus erwerbstätig sind, werden von der Familie häufig so in Beschlag genommen, als existiere ihr Office gar nicht.

Eva Größler und Stefanie Ackermann sind von den Vorteilen des Coworking schon lange überzeugt. Die beiden Frauen, Größler kommt aus Lampertheim, Ackermann aus Bürstadt, fahren gerne regelmäßig nach Lorsch. Seit über zwei Jahren bereits nutzt Grafikdesignerin Größler das Büro in der Bahnhofstraße.

Gerade für die Gespräche mit Kunden seien die Räumlichkeiten ideal. Berufliches daheim im Wohnzimmer zu verhandeln, wirke unprofessionell, meint Größler. Die privaten Räume ständig so zu gestalten, dass sie für Kundenbesuche passen, verursacht noch dazu unnötig viel Stress durch ewiges Hin- und Wegräumen.

In ihrem Coworking-Büro schätzt die 49-Jährige außerdem den Austausch mit anderen. „Wer immer in den eigenen vier Wänden sitzt, blockiert ein bisschen“, glaubt Größler. Gerade bei Tätigkeiten im kreativen Bereich bestehe dieses Risiko. Scheuklappenmäßig unterwegs zu sein, davon hält sie nichts. Am Multifunktionskopierer oder in der Küche des Coworking-Hauses erlebt die Grafikdesignerin dagegen einen Austausch der Coworker untereinander, der sie inspiriert.

Neun Unternehmen haben derzeit 16 Arbeitsplätze im Lorscher Coworking gemietet. Ein Ingenieurbüro und eine Eventagentur nutzen beispielsweise Räume. „Die Nachfrage ist super“, heißt es von der EGL. Und: „Wir sind stolz auf unser Baby.“ Aktuell ist nur ein Arbeitsplatz frei.

Unter anderem bei Existenzgründern ist das Coworking beliebt. Langfristige Mietverträge und teure Büro-Ausstattung können oder wollen sich viele Start-ups nicht leisten. Über Coworking kann nicht nur der Schreibtisch samt Regal, abschließbarem Schrank und Rollcontainer sowie technische Ausstattung im Paket gemietet werden, auch Platz im Großraumbüro oder ein Besprechungsraum sind flexibel dazu buchbar – sogar nur für wenige Stunden. Flexibilität ist allseits Trumpf.

Mittags ins Stadtzentrum

Auch Stefanie Ackermann ist von den Möglichkeiten des Coworking in Lorsch angetan. Seit drei Jahren nutzt die Landschaftsarchitektin aus Bürstadt die Adresse. Die Fahrzeit sei nicht der Rede wert, so die 51-Jährige. Viele Coworker schätzen es, räumlichen Abstand zwischen Wohnung und Arbeit zu haben – um abzuschalten. Der Standort in Lorsch ist auch deshalb attraktiv, weil er zu einem Bummel ins Zentrum einlädt. Coworker verbringen die Mittagspause manchmal gemeinsam dort, wovon dann auch Gastronomie und Einzelhandel profitieren.

Die Coworker können ihre Büros täglich rund um die Uhr belegen, geöffnet ist selbstverständlich auch sonntags, betont Ann-Kathrin Riedel. Einziger Nachteil der Lorscher Coworking Spaces: Die Räume liegen im Obergeschoss des Hauses, sind nicht barrierefrei erreichbar. Auch die Klassiker des Büro-Alltags –wann Fenster geöffnet, wann geschlossen sein sollen und wer wie viel telefoniert – können für Diskussionen sorgen und müssen untereinander ausgehandelt werden. Die derzeitigen Nutzer kommen aber offenbar sehr gut miteinander aus. Sie haben im Büro sogar gemeinsam ein Regal mit Büchern von daheim bestückt, die jeder ausleihen kann.

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