Lorsch

Kloster Lorsch Corinna Knipper referierte zum Thema „Was Isotopen uns über die Ernährung des Menschen erzählen können“

Zähne lassen in die Vergangenheit blicken

Lorsch.Erneut spannend war der vierte Vortrag der Reihe, zu der die Welterbestätte Kloster Lorsch im Nachhall zu der anthropologischen Ausstellung des vergangenen Jahres in die Zehntscheune Lorsch eingeladen hatte. Corina Knipper erklärte,

„was Isotopen über die Ernährung des Menschen erzählen können“.

Die Wissenschaftlerin vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim arbeitet unter anderem an der Auswertung von Knochenfunden aus Grabungen auf dem Klostergelände. Erste Ergebnisse daraus werden demnächst vorgestellt werden können.

Aus der Isotopenuntersuchung der Zahnsubstanz von Skelettfunden und dem Vergleich mit ortsansässigen Tieren und Menschen kann man einerseits etwas über die Mobilität der Menschen erfahren, also darüber, ob sie an dem Ort, an dem sie begraben wurden, aufwuchsen oder ob sie erst später zugewandert sind. Dabei macht man sich den Umstand zunutze, dass die Zähne beim Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten angelegt werden. Die Backenzähne im Babyalter, die Weisheitszähne aber erst mit etwa sieben Jahren. Ergeben sich bei der Analyse zwischen den Zähnen eines Individuums Unterschiede, so lässt das auf einen Ortswechsel schließen.

Lokale Gesteine unterscheiden sich in ihren Strontiumwerten, die auch nach der Verwitterung und nach der Aufnahme in die Nahrungskette erhalten bleiben. Wer also auf bestimmten Lössböden gewachsene Nahrung isst, weist andere Strontiumwerte auf, als derjenige, der Nahrung von anderen Bodenarten zu sich nimmt.

Auskunft geben kann die Isotopenanalyse aber auch über die Ernährungsgewohnheiten. Die Isotope von Kohlenstoff und Stickstoff verraten beispielsweise, wie hoch der Anteil bestimmter Pflanzen in der Ernährung war und ob die Menschen viel tierische Nahrung zu sich genommen haben.

An mehreren Fallbeispielen machte Corina Knipper deutlich, welchen Beitrag solche Analysen für die Geschichtsschreibung leisten können, wenn sie mit archäologischen und anthropologischen Erkenntnissen kombiniert werden.

Bei der Untersuchung von Gräberfeldern im Lechtal aus der späten Steinzeit und der frühen Bronzezeit zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen Männern und Kindern auf der einen und Frauen auf der anderen Seite. Während in der ersten Gruppe fast alle Individuen sehr ähnliche Werte aufwiesen, zeigte sich bei den Frauen eine breite Streuung: Mehr als die Hälfte der Frauen musste aus anderen Gegenden ins Lechtal gekommen sein. Die Analyse der Zähne legte nah, dass sie nicht schon im Kindesalter gekommen waren. Ein Vergleich der mitochondrialen, durch die Mütter vererbten DNA erwies, dass keines der untersuchten Kinder von diesen ortsfremden Frauen abstammte. Zudem fanden die Forscher heraus, dass einige der Männer in der Kindheit wohl unterwegs, dann aber wieder heimgekehrt waren.

Warum das so war, sei bislang noch offen. Auch die Frage, woher die Frauen kamen, kann nicht durch die Isotopenanalyse beantwortet werden. Denn geologisch ähnliche Verhältnisse finden sich sowohl im nur etwa 60 Kilometer entfernten Nördlinger Ries als auch in Böhmen oder Mitteldeutschland. Kamen die Frauen freiwillig? In der Ausstattung und Lokalisierung der Gräber fand man keine Unterschiede zu den ortsansässigen Frauen – also waren die Zugewanderten zumindest gut integriert. Vielleicht kamen sie als kinderlose Frauen zur Wissensvermittlung, war eine weitere Vermutung, welche die Referentin nannte.

Soziale Unterschiede sichtbar

Sehr eindeutig fiel die Analyse in mehreren Fällen aus, bei denen nach sozialen Unterschieden in der Ernährung gesucht wurde. Verglichen wurden die Kohlenstoff- und Stickstoffisotope unter anderem des Fürsten von Helmsdorf, des Fürsten vom Glauberg und der Dame von Vix jeweils mit der Durchschnittsbevölkerung und mit tierischen Pflanzenfressern. In allen Fällen ergab sich eine deutliche Abweichung der höher gestellten Personen vom Rest der Bevölkerung durch einen erheblich höheren Fleischverzehr – ein Befund, der sich ebenso eindeutig bei der Untersuchung mittelalterlicher Fürsten ergab.

Wie die Isotopenanalyse den Blick der Historiker korrigieren kann, erläuterte Corina Knipper an einem Beispiel aus der Völkerwanderungszeit. Bei einem aktuellen Projekt zu Gräberfeldern aus dem 5. und 6. Jahrhundert im Karpatenbecken zeigte die hohe Variabilität der Werte, dass die Mehrheit der Erwachsenen weder lokalen Ursprungs, noch in Gruppen gekommen war. Es waren offenbar eher einzelne Personen, die sich in den Dörfern neu ansiedelten. Die Werte der Kinder blieben dann wiederum im engen, ortstypischen Bereich. Die Orte der Gräber der Zugewanderten unterschieden sich nicht, was auf die Bildung einer Gemeinschaft vor Ort hinweist. Funde aus dem 6. und 7. Jahrhundert zeigten dann ein radikal anderes Bild: Nur ganz vereinzelt waren Ortsfremde nachzuweisen, die Mehrheit war sesshaft.

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