Zwingenberg

Evangelische Gemeinde Installation aus Sommer-Malwerkstatt wird ab 9. September in Bergkirche ausgestellt

14 Hobbykünstlerinnen ziehen gemeinsam am roten Faden

Archivartikel

Zwingenberg.Der rote Faden. Man denkt an das lebensrettende Wollknäuel der kretischen Königstochter Ariadne, das Theseus im Labyrinth des kannibalischen Stiermenschen Minotauros clevererweise sachdienlich ausgerollt hat. Oder an eine biografische Konstante, die sich inhaltlich oder psychologisch durch ein Leben zieht. Logischer Aufbau, wirkende Kraft oder existenzielles Leitmotiv: der rote Faden ist ein literarisches oder methodisches Element, das durch seine hartnäckig wiederkehrende Natur sprichwörtlich geworden ist.

Der rote Faden ist Ordnung und Struktur, Muster und Reflexion von Einheit in komplexer Umgebung. Sowohl im Leben wie in der Kunst. In der diesjährigen Sommer-Malwerkstatt der Evangelischen Kirchengemeinde wurde das Thema auch in einem religiösen Kontext kreativ bearbeitet. Unter der Leitung von Ulrike Fried-Heufel haben sich 14 Teilnehmerinnen im Rahmen der Offenen Kirche mit dem Thema auseinandergesetzt. Das Ergebnis wird ab 8. September in der Bergkirche als Installation ausgestellt. Die Zwingenberger Künstlerin ist mit dem Ergebnis hochzufrieden: „Der schöpferische Prozess hat eine enorme Dynamik entfaltet“, so Ulrike Fried-Heufel, die das Projekt der offenen Kirche zum wiederholten Mal begleitet hat.

„Wenn wir die Fäden, an denen unsere Stärken und Schwächen, unsere Zuneigung und unsere Beziehung hängen, miteinander verwickeln und weiterentwickeln, könnte daraus ein starker, rissfester, roter Faden für unser weiteres gemeinsames Leben werden.“ Dieses kurze Poem des österreichischen Dichters und Aphoristikers Ernst Ferstl war vor gut zwei Jahren der erste Impuls zu dem Projekt. Mit diesem Häppchen schöner Literatur sprach die Malerin bei Pfarrer Christian Hilsberg vor – und traf auf einen neugierigen Resonanzkörper.

Kein fertiges Konzept

„Eine abstrakte Herangehensweise sollte uns davor bewahren, in die Banalität abzurutschen“, so Ulrike Fried-Heufel am zweiten und letzten Tag des Projekts. Die Teilnehmer sollten das Thema „roter Faden“ auf eine individuelle Weise umsetzen – allerdings in den gleichen Abmessungen und einer farblichen Konzentration auf weiß, schwarz, grau und rot. Das schlanke vertikale Bildformat sollte der finalen Präsentation eine weitere ästhetische Klammer schenken.

Doch letztlich war nicht ein vordefiniertes Konzept der „rote Faden“, sondern eine assoziative, spannungsgeladene Vorgehensweise. Das Resultat der Arbeiten war zu Beginn nicht absehbar. „Der rote Faden ist ein wie auch immer gearteter Sinn in unser aller Leben, der für Sicherheit und Verlässlichkeit steht“, so die künstlerische Leiterin. Die Installation sollte die sich daraus ergebenden Verflechtungen darstellen. Mit Acrylfarben und Fäden gingen die Kreativen ans Werk. Der bildgebende rote Faden war sowohl visuell prägendes Element wie auch eine psychologische, gleichsam unsichtbare Größe. Begleitet wurde der Malprozess von einem kommunikativen Diskurs, der die Akteure untereinander zusätzlich motiviert und befruchtet hat, wie Ulrike Fried-Heufel bilanziert.

Auch Irmgard Wagner und Renate Weber als langjährige Regisseure der „offenen Kirche“ sind mit dem Ergebnis mehr als zufrieden. Das Projekt hat eine ganz eigene Dynamik entwickelt und einen mentalen wie schöpferischen Denkprozess entfacht, der in dieser Qualität und Diversität nicht absehbar war. Die einen stürzten sich im Stile des abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock in das Thema hinein, das den roten Faden als organisch-explosive Komponente im Drip-Painting-Verfahren zeigt. Andere näherten sich zunächst eher gegenständlich der Idee, verließen den Pfad aber bald in Richtung einer emotionalen Perspektive, die starke persönliche Färbungen transportiert. Perfektion, Vernunft und Reglementierung wurden zu Gunsten einer spontanen, flüchtigen Haltung in den Hintergrund gerückt.

Brücken und Lücken

„Der rote Faden ist ein Element, das nicht immer sichtbar ist. Es gibt Brüche und Lücken“, so Gertrud Hildebrandt-Schmidt über die intellektuelle wie kreative Auseinandersetzung mit dem Thema. Die zerrissene, fragmentarische Qualität betont auch Ellen Steinbiß in ihrer Arbeit. Einen klaren Bezug zur religiösen Ebene schafft Gudrun Unshelm, indem sie einen dunklen, unruhigen Hintergrund mit undefinierter, aufgesplitteter Faserigkeit in eine geordnete, homogene Dichte weiter entwickelt und so die höheren Sphären des christlichen Glaubens visuell zum Ausdruck bringen will.

Das Bild von Berenike Neumeister hat sich im kreativen Prozess zunehmend abstrahiert. Mit Malerkrepp und Strukturpaste entstand die Ahnung eines Kreuzes als christliches Symbol vor einem farblich-motivischen Chaos. „Neuanfang“ hat sie ihre Arbeit betitelt.

Erst Gottesdienst, dann Vernissage

Bereits bei der Koordination der 14 Arbeiten am vergangenen Samstag im evangelischen Gemeindehaus hat sich gezeigt, wie positiv sich Format und farbliche Reduzierung der Bilder auf die ästhetische Qualität des Gesamtwerks auswirken. Die Installation, von Ulrike Fried-Heufel mit Bambus und Beton ebenso minimalistisch wie wirkungsvoll in Szene gesetzt, dürfte in der räumlich reizvollen Umgebung der Bergkirche eine besondere Strahlkraft entwickeln. Man darf also gespannt sein auf diesen besonderen „roten Faden“, der im Dialog mit dem Betrachter nochmals eine ganz neue inhaltliche Qualität entwickeln dürfte.

Während der Vernissage am 8. September, der ein Gottesdienst vorausgeht, haben die Gäste die Möglichkeit, mit den Teilnehmerinnen - alles Frauen – des Projekts ins Gespräch zu kommen. Die Ausstellung ist dann bis zum 15. September zugänglich.

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