Zwingenberg

Ausflug 45-köpfige Besuchergruppe aus Zwingenberg besichtigte historische Fachwerkgebäude und erprobte alte Handwerkskünste

Arbeitskreis Asyl erkundete Hessenpark

Archivartikel

Zwingenberg/Neu-Anspach.Liebevoll streichelt der kleine eritreische Junge einer Thüringer Waldziege über das Fell. Diese anmutige Ziegenrasse entstand um die Jahrhundertwende in Thüringen und wird im Hessenpark in Neu-Anspach erhalten. Der Hessenpark ist nicht nur ein großes Freilichtmuseum, sondern versteht sich als lebendiges Museum und Arche für gefährdete Nutztierrassen und Kulturpflanzen. Dies konnte die rund 45-köpfige Besuchsgruppe des vom AK Asyl getragenen Café Z aus Zwingenberg – darunter etliche geflüchtete Menschen – bei ihrem Jahresausflug vor Ort erleben. Dabei erfuhren die Kinder und Erwachsenen auch, wie Lebensmittel früher haltbar gemacht wurden oder dass jede Familie nur einmal im Monat das Backhaus nutzen durfte, um ihren gesamten Bedarf zu backen. Schwer vorstellbar für Kinder heute: Es gab keine Geschäfte, wo man sich mal eben etwas zu Essen hätte kaufen können.

Das Freilichtmuseum Hessenpark liegt im Hochtaunuskreis, etwa eine Dreiviertelstunde von Zwingenberg entfernt. Es versteht sich als Ort des Austauschs von Wissen und Erfahrungen, als lebendiges Gedächtnis für Alltagsfertigkeiten, die mit den Besuchern geteilt und für die Zukunft bewahren werden. Daher gab es viel zu entdecken: Historische Fachwerkgebäude, altes Handwerkszeug oder echte Handwerker, die ihre Arbeit vorführten: ein guter Überblick über das dörfliche und kleinstädtische Alltagsleben und die Festkultur vom 17. Jahrhundert bis in die Achtzigerjahre.

Erinnerungen an die Oma

Die Häuser und ihre jeweilige original Einrichtung gehören sicherlich zu den spannendsten und bedeutendsten Objekten. Doch auch Dauerausstellungen, wie zum Beispiel „Sich kleiden. Tracht tragen in den Dörfern des Amöneburger Beckens um 1940“, vermittelten den Besuchern historische Lebenszusammenhänge anschaulich.

Dabei stellte eine 2016 nach Deutschland geflüchtete Afghanin Erstaunliches fest: Auch in Deutschland haben Frauen Kopftuch getragen! Und eine deutsche Begleiterin berichtete, dass sie sich noch gut daran erinnern kann, wie ihre Oma häufig ein Kopftuch trug, wenn auch nicht aus religiösen Gründen. Sie war froh darüber, dass die Haare so bei der Arbeit nicht störten und die Ohren vor Zugluft geschützt waren. Gleichzeitig bewahrte man die Haare damit vor Schmutz von draußen, da man seltener die Möglichkeit hatte, seine Haare zu waschen. Der Hessenpark weckt die Neugier auf Vergangenes und Gegenwärtiges. Auch die aktuellere deutsche Geschichte hat hier ihren Platz im. Über die frühere Grenze zu Ostdeutschland wird in einem eigenen Haus berichtet: Wie hat sie das Leben der Menschen bestimmt? Wie konnte man sie ohne einen erneuten Krieg wieder überwinden? Gespannt sahen zwei Afghanen die vielen Bilder und Videos am, verbunden mit der Hoffnung, auch in ihrem Land könnten die Menschen einmal wieder friedlich zusammenleben. Viele Fragen stellen sie den deutschen Ausflugsbegleitern und dem Fachpersonal während einer Führung am Vormittag. Auch über die wirklich echte „hessische Pizza“ namens Salzekuchen oder „Ploatz“ wurde auf dem historischen Marktplatz des Hessenparks noch rege verhandelt, während man beim internationalen Picknich das mitgebrachte Reisgericht, die Maulbeeren, den persischen Tee und die einheimische Brezel genoss.

Menschlicher Mähdrescher

Am Nachmittag erkundeten die Zwingenberger das Museum. Nagib aus Afghanistan trat schließlich selbst in Aktion bei einer angeleiteten handwerklichen Vorführung. Er versuchte sich am Winterroggen und zeigte viel Geschick als „Mähdrescher“, während die Laiendarsteller pausierten. Roggen war in Hessen über Jahrhunderte das wichtigste Getreide und wurde schlicht als „Korn“ bezeichnet.

Theaterspiel, ein wichtiges Element der Museumspädagogik, wurde an diesem Besuchstag nicht geboten. Dafür sorgte eine andere Inszenierung für lebendige und publikumsnah vermittelte Zeitgeschichte: Eine Hochzeit in echten, alten Trachten. Ein Ehepaar aus Gießen ließ sich just an diesem Tag im dortigen Fachwerkbau-Standesamt in historisch-romantischer Atmosphäre trauen und posierte für ein Foto mit drei Damen aus der Zwingenberger Besuchergruppe.

Möglich geworden war der Ausflug für die Zwingenberger Café Z-Besucher durch Fördergelder des Landes Hessen für Integration. Neben der Busfahrt musste nur die Führung und der Eintritt der Begleitpersonen bezahlt werden, begleitete Flüchtlingsgruppen haben freien Eintritt.

Ein Ort des Austauschs wie der Hessenpark ist auch das Café Z selbst: Jeden Donnerstag geöffnet im Alten Amtsgericht von 15.30 bis 17.30 Uhr. Es richtet sich an alle Neu-Bürger und Interessierte in Zwingenberg, an Kinder und Erwachsene, getragen vom Arbeitskreis Asyl.

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