Zwingenberg

Forum Heiligenberg Matthias Platzeck referierte über den schwierigen Umgang mit Russland

Das Ende einer romantischen Liebe zu Moskau

Archivartikel

Jugenheim.„Wie umgehen mit Russland?“ Kaum eine politische Frage dürfte heute brennender sein, und kaum jemand dazu häufiger befragt werden als Matthias Platzeck, Vorstandsvorsitzender des Deutsch-Russischen Forums. Mit ihm startete das Jugenheimer „Forum Heiligenberg“ sein Jahresprogramm 2018. Im Bürgergespräch appellierte der Gast überlegt, kenntnisreich und anregend an die Vernunft und forderte zu mehr Begegnungen auf.

Das Forum bot reichlich Stoff zur Diskussion. Anregungen wurden aufgenommen, eigene Aktivitäten und Erlebnisse der Teilnehmer flossen ein. Die Krim, Syrien und der Hinweis, wie häufig von Russland aus versucht werde, westliche Demokratien zu destabilisieren, offenbarten Gründe für tiefe Skepsis. Dem war sich Platzeck bewusst. „Wenn zwei nicht mehr miteinander reden und kein Ausweg in Sicht ist, dann heißt es für beide Seiten: Mindestens einen halben Schritt zurücktreten und sich fragen, was ist dein eigener Anteil daran, dass es so weit gekommen ist?“

Fehleranalyse nötig

Der „Scherbenhaufen der Beziehungen“ zwischen dem Westen und Russland verlange nach einer Fehleranalyse. „Wir Deutsche haben uns in den Neunzigerjahren fast romantisch in Russland verliebt, weil Russland keinerlei Ambitionen mehr zeigte“. Zunehmend aber bringe Russland seine Interessen zur Geltung, etwas was man bei den USA gewohnt sei. Die Menschen verstöre, dass es nun Schluss sei „mit der romantischen Phase“. Platzeck beklagte eine doppelte „Maßstäblichkeit“ der Bewertung beim Handeln der Mächte. Etwa beim Irak-Krieg, der mit einer Lüge begann, die nicht sanktioniert wurde.

Nach dem Ende der Sowjetunion seien in dem Riesenreich viele Irrtümer begangen worden. War einst die Klammer „der Sowjetbürger“ gewesen, so habe der gewaltige Umbruch unter Gorbatschow und Jelzin zu einem Zusammenbruch der gesellschaftlichen Identität geführt. Deshalb werde jetzt Putin in Russland als derjenige gesehen, der die staatliche und wirtschaftliche Ordnung hergestellt sowie Kirche und Militär Auftrieb gegeben habe. Die orthodoxe Kirche wurde vom Kreml bewusst zur neuen Klammer des nationalen Zusammenhalts erhoben.

Vier Punkte nannte Platzeck, die „zwischen uns und den Russen stehen“: So erwarte Russland von Deutschland Verständnis für die Annexion der Krim, habe man doch auch Deutschland die Wiedervereinigung ermöglicht. Zweitens verweise man darauf, eine halbe Million Soldaten ohne Vorleistungen aus Deutschland abgezogen zu haben. Drittens sei der Westen auf Putins Vorschlag einer Sicherheitspartnerschaft nicht eingegangen, die er in seiner Rede vor dem Bundestag 2001 angeregt habe und viertens frage man sich angesichts von 27 Millionen Toten im „Großen Vaterländischen Krieg“, ob man angesichts anderer geförderter Gedenkstätten im Ausland Opfer 2. Klasse sei.

Gefährliche Entfremdung

Platzeck war sich bewusst, einen Ruf als „Russlandversteher“ zu haben. „Ich stehe dazu“, sagte er, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen unkritisch zu sein. Alle Konfliktpunkte von der Ostukraine über die Krim bis zu Syrien sind – da pflichtete er Bundeskanzlerin Merkel bei – eben nicht ohne Russland lösbar.

Bundespräsident Steinmeier habe zu Recht vor einer „gefährlichen Entfremdung“ zwischen dem Land und dem Westen gewarnt. „Wie kommen wir da raus?“, fragte Platzeck. Er erinnerte an Willy Brandt und Egon Bahr mit ihrer Vision vom „Wandel durch Annäherung“. Das habe Enormes bewegt. Geschichte wiederhole sich zwar nicht, aber man könne aus ihr lernen. Warum sollte man nicht Fragen, die man nicht lösen kann „ins Regal schieben“ und zunächst die anderen lösen? Dann werde man auch bei schwierigeren Fragen später weiterkommen, argumentierte der Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums. 80 Prozent der Deutschen wünschten eine Verbesserung der Beziehungen zu Russland.

Folgende Punkte sah Platzeck als dringlich an: eine Überprüfung der verhängten Wirtschaftssanktionen, die Einführung gegenseitiger Visafreiheit und die Bereitstellung von mehr Mitteln für Jugendaustausch und andere Begegnungen. zg

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel