Zwingenberg

Das geistliche Wort Gedanken zum Thema Erntedankfest

Das Jahr der solidarischen Nachbarschaft

Archivartikel

Ein großer Laib Brot, Trauben und vor allem frische Gartenäpfel: An diesem Wochenende ist es wieder soweit. In meiner Gemeinde Alsbach bereiten wir uns auf das Erntedankfest vor. So wie immer, am ersten Sonntag im Oktober. Nicht so wie immer ist aber Folgendes: In normalen Zeiten darf jeder etwas zum Schmücken des Erntedankaltars mitbringen. Entweder er spendet es, tauscht es gegen eine andere Erntegabe ein oder er nimmt es am Ende wieder mit nach Hause.

Nur in diesem Jahr ist, wer hätte es gedacht, wieder einmal alles anders. Unser Altartisch bleibt leer. Wofür auch danke sagen in diesem Jahr 2020? Für einen weiteren viel zu trockenen Sommer? Die dunklen wirtschaftlichen Aussichten nach dem Corona-Lockdown? Und eine durch geschlossene Schulen und Kitas und Home Office manchmal belastete Zeit mit der Familie zuhause? Ich ahne, dass Dankbarkeit für viele Menschen gerade nicht das Erste ist, an das sie in 2020 denken. Und weil wir hier ehrlich bleiben wollen, entspricht der Erntedankaltar dem restlichen Jahr: etwas karg und trostlos.

Gute Wünsche und Rücksichtnahme

Ich finde, dadurch ist er aber noch aus einem anderen Grund ein passendes Symbol. Weil für mich die positiven Erfahrungen aus dem Lockdown unsichtbar sind und deshalb kaum mit einem Kürbis oder einem Apfel darzustellen wären. Für mich ist 2020 das Jahr der solidarischen Nachbarschaft, die für ihre ältesten Mitglieder einkaufen gegangen ist. Das Jahr der guten Wünsche wie „Bleiben Sie gesund“ unter den E-Mails, die sich so viel schneller verbreitet haben als das Virus. Und das Jahr der gegenseitigen Rücksichtnahme, im Privaten wie im Büro. Wer niest, geht nicht aus dem Haus.

Diese Erfahrungen sind nicht wirklich gut sichtbar zu machen. Aber ich höre, dass viele Menschen sie geteilt haben. Und deshalb sagen wir den Gottesdienst zum Erntedankfest auch nicht ab. Denn ich bin der Meinung: Was gut war, sollte auch öffentlich und laut ausgesprochen werden.

Von mir aus dürfen diese Beispiele für Nächstenliebe in unserem Alltag auch die infizieren, die bisher vor allem auf die natürlich existierenden negativen Corona-Folgen geschaut haben. Meine Hoffnung ist, dass aus dem Blick für das oft unsichtbare Gute auch eine Haltung von Dankbarkeit wird. Dass alle begreifen, dass alles doch nicht ganz so selbstverständlich ist, wie sie immer dachten. Und dass in einem zweiten Schritt dann aus dieser Haltung heraus auch die Motivation kommt, gemeinsam gute Lehren aus diesem Jahr zu ziehen und unsere Gesellschaft für alle ihre Mitglieder besser zu machen. Für die Kitakinder genauso wie für die Hochbetagten. Wir gehören zusammen. Gott sei Dank!

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