Zwingenberg

Das geistliche Wort Autor Reinald Engelbrecht sieht Parallelen zwischen Gegenwart und Mittelalter

Die Reformation – eine Querdenkerbewegung

Archivartikel

Was die Menschen zu Beginn des 16. Jahrhunderts miterlebten, das war eine grundsätzliche Erneuerung des bisherigen mittelalterlichen Denkens und Glaubens und ein atemberaubender Erkenntnisprozess:

Drei Erkenntnisse

Sie erkannten die ihnen persönlich von Christus selbst zuerkannte Menschenwürde.

Sie erkannten ihre Kraft und Freiheit als Kinder Gottes gerade in der Phase, als der kirchliche Ablasshandel immer hemmungsloser das Geschäft mit der Angst auf den Gipfel der Ausbeutung trieb.

Sie erkannten, wie ihnen ein Kreislauf von Schuld und selbst zu vollbringenden Sühneleistungen eingeredet worden war, der die Menschen über viele Generationen hinweg manipulierbar, abhängig und klein gehalten hatte.

1520 – vor genau 500 Jahren – verfasste Martin Luther eines seiner fünf Hauptwerke: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Darin stellt er seine neue, frohmachende Sicht auf die Gott-Mensch-Beziehung dar: Sofern wir Gott vertrauen, werden wir auch sensibel genug sein, um zu erkennen, wenn die Freiheit des Mitmenschen bedroht ist.

Doppelte Verantwortung

Dabei handelt es sich nicht um eine Freiheit nach dem Motto „Ich kann tun, was ich will und das sofort.“ Vielmehr ist uns eine gebundene Freiheit anvertraut, die zugleich nach dem Glück und Heil der anderen fragt. Der Mensch lebt in doppelter Verantwortung – vor Gott und vor dem Nächsten.

Luther ermutigte die Leute, ausschließlich ihrem eigenen Gewissen zu folgen und nicht den Dogmen der zutiefst korrupten Kirchenhierarchie. Würde er und die anderen Reformatoren heute wirken, würden sie wohl als Querdenker bezeichnet und ihre Aussagen wären bei Youtube, facebook und Twitter schnell gelöscht.

Wacher Geist und offene Herzen

Doch durch den vor 500 Jahren gerade entdeckten Buchdruck konnten die Reformatoren das zu Papier bringen, was sie erkannt hatten und sorgten so europaweit für zunehmend brisanten Gesprächsstoff. Ihre Schriften wurden so rasend schnell verbreitet, dass den damals herrschenden Kreisen keine Chance zur Zensur blieb was unter anderem deren bisherige Deutungshoheit beendete.

Ein halbes Jahrtausend später befinden wir uns heute am Beginn eines ähnlich historischen Bewusstseinswandels. Möge Gott uns dafür einen wachen Geist und offene Herzen geben, damit wir unsere persönliche Freiheit nicht zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit preisgeben!

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