Zwingenberg

Wegzeichen Wer wirklich teilt, der spaltet nicht

Ein Teil des Ganzen sein

Archivartikel

Teile entstehen dadurch, dass etwas Zusammengehörendes in einzelne Stücke „aufgebrochen“ wird. Menschen fällt es offensichtlich schwer, sich als Teil eines Ganzen zu verstehen. Damit wird verbunden, dann nur klein und unbedeutend zu sein. Dabei ist es viel erstrebenswerter, frei und souverän handeln zu können. Desto stärker ein Thema das eigene Leben betrifft, desto stärker kommt es zu Abgrenzungen. Die Pflicht zum Tragen von Masken, geforderte Abstandsregelungen oder auch politische Weichenstellungen wie jetzt in den USA erzeugen Spaltungen. Es geht um das Eigene. Das gilt es zu retten und festzuhalten. Umso leichter entstehen Risse und Fronten. Das, was eigentlich zusammengehört, scheint in einzelne Teile zu fallen.

Wer teilt, der gibt ab. In der Regel lässt der Mensch erst einmal das los, was nicht mehr relevant für ihn ist. Almosen aus der Westentasche, eine Altkleiderspende oder der Kauf eines Sammelloses für eine wohltätige Lotterie sind zwar auch Zeichen einer Anteilnahme, in Wahrheit aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wahres Teilen bedeutet mehr: Man gibt auch einen Teil von dem, was einem selbst wichtig, vielleicht auch zwingend notwendig ist. Es geht dabei nicht nur um Besitz und Vermögen. Auch wichtige Zeit oder gemeinsame Interessen lassen sich teilen. Der Mensch nimmt sich selbst nicht so wichtig und versteht sich als Teil von etwas Größerem.

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“, erkannte bereits der Gelehrte Aristoteles. Die Welt lässt sich immer in einzelnen Teilen betrachten. Hinter oder über allem scheint aber etwas zu sein, was mehr ist, als zunächst erkannt werden kann. Alle Menschen und Lebewesen, alle Stoffe und Kräfte gehören zusammen. Sie bilden eine Synergie, was nichts anderes bedeutet als „Zusammenarbeit“. Alle Teile dienen dem großen Ganzen und fördern sich gegenseitig.

Wer wirklich teilt, spaltet nicht neu. Er sieht sich selbst als Teil des Ganzen und erkennt, dass das Eine nicht vom anderen zu trennen ist. Anstatt nur den eigenen Anteil zu sehen, hat er das Ganze im Blick. Anstatt zu trennen, versucht der Mensch zu verbinden, am Schicksal der anderen oder des Systems teilzuhaben. In den kommenden Tagen wird an den Heiligen Martin und an dessen Legende mit der Mantelteilung erinnert. Die wahre Größe Martins lag wohl nicht darin, dass er ein Stück seines Mantels abgab, sondern sich entgegen der geläufigen Haltung mit den Notleidenden solidarisierte und aus seiner christlichen Gesinnung als Teil eines großen Planes sah. Mit seiner Geste brachte er ein Stück weit das zusammen, was eigentlich zusammengehört.

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