Zwingenberg

Rundgang Bauhaus in Zwingenberg – Original oder Fälschung?

Eine Leuchte macht noch keinen Klassiker

Archivartikel

Zwingenberg.Vor 100 Jahren wurde in Weimar das Bauhaus gegründet. Doch wie modern sind die Ideen von Walter Gropius heute? In einem Stadtrundgang wurden das Bauhaus und seine Rezeption aus einer lokalen Perspektive beleuchtet. Dabei ging es nicht nur um örtliche Abbilder einer mehr oder weniger gelungenen architektonischen Idee, sondern auch um die bekannten baulichen Stereotypen: Weiße Putzfassaden, klare Geometrien, Flachdach und offener Grundriss, dazu Vorhangfassaden aus Stahl und Glas. Und in dem meisten Fällen mit der berühmten Wagenfeld-Leuchte auf dem Fenstersims. Bis heute ein Aushängeschild und ein Symbol der Bauhaus-Formensprache.

Dass eine Lampe und schmale Fensterbänder allein aus einem kubischen Heim noch keinen Design-Klassiker machen, erlebten die Gäste bei der Tour auf plastische Weise. Bettina Riehl von der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen lebt in Zwingenberg und schürt das Bewusstsein für die regionale Baukultur schon seit einigen Jahren. „Bauhaus oder Fake?“ titelte ihre Führung, die am Brain-Firmensitz startete. Doch auch der Industriebau aus drei kubischen Elementen hat mit dem Bauhaus direkt nichts zu tun. Vielmehr reflektiert der Komplex den Bauhaus-Geist, der im ländlichen Zwingenberg eine urbane künstlerisch-architektonische Ausprägung fand. Das Flachdach und die bandartige Reihung der stark gegliederten grauen Fenster, die am Mitteltrakt um die Gebäudekante laufen, sind charakteristisch für diesen Stil. An der Ostseite befindet sich der über eine breite Freitreppe erreichbare Haupteingang, darüber ist zur Belichtung des Treppenhauses die Wand völlig in Glas gehalten.

Das wegen seiner Beziehung zu Milchprodukten von Anfang an weiß gestrichene Gebäude wird noch heute durch den ursprünglichen Gitterzaun zwischen Zementpfosten zur Darmstädter Straße hin abgegrenzt.

Im mittelalterlich geprägten Zwingenberg muss der schlichte Industriekubus des jungen Architekten Dr. Georg Fehleisen eine betonierte Provokation gewesen sein. Dabei war der Mitarbeiter von Georg Metzendorf zunächst kein Bauhaus-Anhänger – er gehörte der klassisch-konservativen Stuttgarter Schule an. Den Direktor der Milchwerke, Arthur Sauer (1874–1946), lernte Fehleisen bereits 1927 kennen, da das Büro von Heinrich Metzendorf seit 1904 für das Unternehmen von Sauer tätig war. Bis zu seinem frühen Tod war Fehleisen Hausarchitekt des Unternehmens.

Die von Fehleisen entworfene „Adolf-Hitler-Siedlung“ sowie der erste Bauabschnitt des neuen Fabrikgebäudes der Fissan-Werke wurden von den neuen Machthabern propagandistisch für ihre Zwecke ausgenutzt. Der Campus wurde 1937 zum „nationalsozialistischen Musterbetrieb“ stilisiert.

Die „Hitler-Siedlung“ wurde später in Arthur-Sauer-Anlage umbenannt. Die von Fehleisen zuerst projektierte Siedlung besteht aus sieben Einzelhäusern: Vier im Grundriss quadratische Arbeiterwohnhäuser liegen in regelmäßig-symmetrischer Anordnung zu Füßen der Villa des Betriebsführers, die sich in herrschaftlicher Pose großzügig am Hang der Orbishöhe erstreckt.

Wohnsitz von Henry Kissinger

In gleicher Höhe, etwas weiter nördlich, liegt die geringfügig kleinere Villa des stellvertretenden Betriebsführers. Umgeben von traditionell konzipierten Arbeiterwohnhäusern mit steilen Satteldächern. In der Blickachse zur Villa steht auf dem Rasen eine weibliche Bronze-Figur („Astra“), die vermutlich von der Berliner Bildhauerin Astrid Begas geschaffen wurde, wie Bettina Riehl vor Ort erläuterte. Das luxuriöse Haus wurde 1945 von den Amerikanern beschlagnahmt und diente Henry Kissinger, dem späteren US-Außenminister, als Wohnsitz. Das nur wenig kleinere Haus von Sauers Stellvertreter entspricht stilistisch dem des Betriebsführers.

Auf die Gestaltung der Siedlung soll Sauer starken Einfluss ausgeübt haben, so Riehl weiter. Er hatte in Südamerika alte spanische und italienische Siedlungen kennengelernt und wollte deren Architekturstil mit den flachen, weit überkragenden Walmdächern und säulengestützten Lauben an die Bergstraße bringen. Dem Architekten Georg Fehleisen ist es gelungen, diese Idee in sachlich-moderner Form umzusetzen, wobei er sich bei den Arbeiterhäusern an einem bereits von Georg Metzendorf entwickelten Bautyp orientiert hatte. Entlang der heutigen Stuckertstraße und Jugenheimer Straße sahen die Teilnehmer dieses bewusst dialogisch konzipierten Rundgangs, wie prägnant sich auch zeitgenössische Architektur am Bauhaus orientiert. Die Forderung „Volksbedarf statt Luxusbedarf“, wie sie Gropius` Schweizer Nachfolger Hannes Meyer in Dessau postulierte, habe sich größtenteils und interessanterweise ins Gegenteil verkehrt, so Bettina Riehl, die auch darauf aufmerksam machte, dass die Nazis das Leitbild des Bauhaus’ zwar ablehnten, den nüchternen Funktionalismus der Schule aber beim Bau von Konzentrationslagern verwendeten. Einer der Chefarchitekten von Auschwitz, Fritz Ertl, war ein Bauhausschüler. Der französische Architekturhistoriker Jean Louis Cohen bezeichnete das als „sadistische Radikalisierung der Forschungen über minimalistischen Wohnungsbau in der Weimarer Republik“. tr

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