Zwingenberg

Geistliches Wort Rassismus und Ausgrenzung nie eine Alternative

Farbe bekennen gegen Rechts

Archivartikel

„So was hätt einmal fast die Welt regiert! Die Völker wurden seiner Herr, jedoch dass keiner uns zu früh da triumphiert – der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

* Mit diesen Worten beendet Bertolt Brecht sein Theaterstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, in dem er parabelhaft die Ereignisse rund um den Aufstieg Adolf Hitlers zum Reichskanzler und den anschließenden Ausbau der nationalsozialistischen Herrschaft erzählt.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ – leider ist dieser Satz auch im Jahr 2020 immer noch aktuell. Am jüngsten Freitag jährte sich das Ende des Zweiten Weltkrieges und damit auch das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft zum 75. Mal.

Doch wie uns die schrecklichen Ereignisse aus Halle, der Mordanschlag auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke oder die Ereignisse in Hanau im Februar dieses Jahres schmerzhaft vor Augen geführt haben, sind integrale Bestandteile des NS-Ideologie immer noch in manchen Köpfen unserer Gesellschaft präsent: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, zum Teil auch Antisemitismus und völkisch-nationalistisches Gedankengut, das nicht zuletzt durch Mandatsträger einer Partei, die für sich in Anspruch nimmt, eine Alternative zu sein, Eingang in die Parlamente gefunden hat. Die Grenze des Sagbaren verschiebt sich nach rechts, diskriminierende, ausgrenzende Formulierungen und NS-Vokabular lassen sich immer häufiger im Sprachgebrauch von Mitgliedern unserer Gesellschaft identifizieren.

Wir alle sind dazu aufgerufen, dieser Entwicklung nicht tatenlos gegenüber zu stehen. Nein, wir brauchen keine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, wie sie bereits von einem Rechtsaußen der selbst erklärten Alternative gefordert wurde, wir alle müssen uns gegen diese Entwicklung stellen. Rassismus und Ausgrenzung sind nie eine Alternative. Gerade für uns Christinnen und Christen gibt es in diesem Punkt keinen Mittelweg, es gibt kein „aber“! Alle rassistischen Theorien widersprechen dem christlichen Glauben, nach dem alle Menschen nach Gottes Ebenbild geschaffen wurden. Christsein bedeutet „Farbe bekennen“: gegen Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, für Nächstenliebe. „Wer rassistische Gedanken oder Haltungen hegt, versündigt sich an der konkreten Botschaft Christi, für den der ‚Nächste’ nicht nur ein Angehöriger meines Stammes, meines Milieus, meiner Religion oder meines Volkes ist, sondern jegliche Person, der ich begegne“, so formulierte es die päpstliche Kommission Justitia et Pax. Wir alle können – nein: müssen! – dazu beitragen, dass nichts mehr aus dem von Brecht zitierten „Schoß“ herauskriecht.

* Der Autor Jan Turinski ist Bildungsreferent des Katholischen Bistums Mainz und Leiter des Katholischen Bildungswerks Bergstraße/Odenwald mit Sitz in Heppenheim.

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