Zwingenberg

Kultur Clajo Herrmann, Kabarettist und ehemaliger Pfarrer, brachte das ausverkaufte Mobile mit „In de Kurv graadaus“ zum Lachen

„Ich gehe erst, wenn alle beleidigt sind“

Zwingenberg.Clajo Herrmann beobachtet die Hessen seit seiner Geburt – und er ist als gebürtiger Frankfurter selber einer. Seit mehr als 20 Jahren sinniert der ehemalige Gemeindepfarrer auf der Bühne über Gott und die Welt, insbesondere aber über die Hessen. Mit Hans-Joachim Greifenstein, der inzwischen Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Schwanheim ist, gründete er einst das Erste Allgemeine Babenhäuser Pfarrer-Kabarett, tritt aber mehr und mehr mit Soloprogrammen auf.

„In de Kurv graadaus“ hieß das Programm, mit dem er einem vollbesetzten Mobile-Keller die Paradoxe des Hessen im Allgemeinen und im Besonderen vor Augen führte. Mit einem Gerippten auf dem T-Shirt und dem Bembel auf dem Tisch – oder auch mal in Mützenform auf dem Kopf –, teilte er nach allen Richtungen aus und versprach, dass am Ende alle mal dran gekommen sein würden. Nicht zu verleugnen war allerdings, dass er es auf die Bewohner von Wetterau und Vogelsberg besonders abgesehen hatte. Und auf Fulda, den hessischen Störfall (mit eigener Kaviarproduktion), wo die Leute nicht leben, sondern ihr Leben abbüßen, und von wo man mit überhöhter Geschwindigkeit fliehen muss, nur, um in der nächsten Radarfalle zu landen. Natürlich hat er es auch dem Offenbacher gegeben – aber der ist gar nicht so blöd wie man meinen könnte, man muss ihn nur strukturieren.

„Ich geh erst, wenn alle beleidigt sind“ oder „Das klingt jetzt bös, aber ich mein’s auch so“ waren nicht nur leere Sprüche, der Kabarettist ließ Taten folgen: „Ist ein Immobilienmakler im Raum? Ja? Arschloch!“

Dass er mit dem Pfarrersein nichts mehr am Hut hat, war den ganzen Abend über immer wieder mal Thema. Zu einer guten Ehe reiche es nicht, wenn beide auf verschiedene Weise blöd seien, fasste er seine Erfahrungen zusammen und verriet, dass er bei so mancher Trauung gebetet habe: „Lieber Gott, beim nächsten Blitz genauer zielen“.

Ein Ohrenschmaus

Von den 36 Waschbetonstufen zur Kirche in Beerfurth bis zur Geschichte des Frankfurter Doms gab es auch jede Menge Einblicke in die hessische Kulturgeschichte – einschließlich einer Rezitation des Schriftstellers Friedrich Stolze, der sich im 19. Jahrhundert durch seine Mundartgedichte in die Herzen der Frankfurter eingeschrieben hat. Zu Gehör brachte Clajo Herrmann das Gedicht von der mit Blut gefüllten Schweineblase, die sich ein findiger Tunichtgut vor der erwarteten Prügelstrafe des Lehrers in die Hose gesteckt hatte. Ein Ohrenschmaus!

Einen roten Faden brauchte man nicht zu suchen. Clajo Herrmann mäanderte sich durch eine schier unerschöpfliche Sammlung von Sprüchen und Pointen, die oft auch dann besonders lustig waren, wenn man sie schon kannte. Wenn einer so schön Hessisch babbeln kann wie Herrmann, hört man es einfach gern. Nicht zu vergessen der Wohlfühlfaktor, im perfekt vorgetragenen heimischen Idiom zu baden – das allerdings von Herrmann kenntnisreich analysiert wurde. Etwa zur Frage eines „innerhessischen R-Ausgleichs“: Während mancherorts die gesamte Sprache nur aus Rs zu bestehen scheint, gibt es auch Gegenden, da kommt man ganz ohne aus - wie in „Dammstadt“ zum Beispiel.

Hessische Männer, wenn sie nicht sowieso lieber still sind, sagen „Joh“ in 58 Tonarten und stehen den Chinesen dabei in nichts nach. In Beziehungsfragen sind sie eher ich-bezogen und wenn sie selbst in den Spiegel sehen, dann sagen sie höchstens „Das gönn ich ihr.“ Überhaupt: Der hessische Mann hat morgens schon schlechte Laune und sammelt den Rest des Tages die Gründe dafür.

Vor sich hin grantelnd ist Clajo Herrmann ein Künstler, der sich auf der Bühne viel Zeit lässt und aus dem Schweigen im besten Fall viel Kapital schlagen kann. War diese Stille über den längsten Teil des Abends mit Kichern und Prusten aus dem Zuschauerraum gefüllt, so wurde das Publikum am Ende deutlich ruhiger – vielleicht einfach nur erschöpft von der mehr als zwei Stunden währenden Flut spezifisch hessischer Erkenntnisse, von denen die wohl schönste lautete: „Apfelwein ist hessisches Yoga“.

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