Zwingenberg

Weinbau Flurbereinigung in der Zwingenberger Lage „Alte Burg“ hat begonnen / Bewässerung und Querterrassen

Kulturlandschaft erhalten, Bewirtschaftung sichern

Archivartikel

Zwingenberg.Wer wissen will, wie die Zukunft der „Alten Burg“ aussehen wird, der muss in die Vergangenheit blicken. In wenigen Jahren soll die exponierte Zwingenberger Weinlage so aussehen wie früher: Eine kleinteilige Kulturlandschaft mit Rebstöcken und Obstbäumen, mit Trockenmauern und einem ökologisch wertvollen, artenreichen Grünland. Ein Postkartenmotiv. Die Flurbereinigung hat begonnen.

Später als geplant, aber immerhin. Ursprünglich war das Finale bereits für 2019 vorgesehen. „Wir wären gerne zügiger gewesen“, räumt Thomas Knöll ein. Der Leiter des Amts für Bodenmanagement und Geoinformation in Heppenheim will jetzt auf die Tube drücken und das raumordnende Verfahren „im Bergsträßer Reben- und Blütenhang“ in den kommenden Jahren vorantreiben.

Die Maßnahmen sind notwendig, um die wachsende Verbuschung der Weinberge zu stoppen und eine dauerhafte Bewirtschaftung des Bergs zu ermöglichen, so der Amtschef. Die Parzellen werden teilweise gerodet, neu geordnet und aufgeteilt. Gleichzeitig wird das Wegenetz angepasst, um den örtlichen Winzern den Zugang zum Wingert zu erleichtern und eine maschinelle Nutzung zu ermöglichen.

Bereits seit September werden auf den betroffenen Flächen Brombeeren, Sträucher und Bäume entfernt. Wie das Amt mitteilt, habe man sich für den Beginn der Maßnahme die Genehmigung von der unteren Naturschutzbehörde eingeholt, um nicht mit den Brut- und Setzzeiten der Vogelvorkommen zu kollidieren. Sämtliche Eingriffe werden von einer externen Fachkraft ökologisch baubegleitet, wie Landschaftsplanerin Marita Möllenkamp aus der Behörde betont. Bis in den Februar hinein werden außerdem Nisthilfen für Wendehals und Neuntöter angebracht.

Ein besonderes Augenmerk gilt den Trockenmauern, die in der „Alten Burg“ in vielen Bereichen stark sanierungsbedürftig sind. Sie befinden sich in einem schlechten Zustand, sind zugewachsen und teils eingestürzt. Hier spiele nicht nur die Standsicherheit eine Rolle, sondern auch die Ökologie. „Einer Eidechse hilft eine eingestürzte Mauer wenig“, so Möllenkamp. Die Mauern bräuchten Lücken und große Flächen, um Tieren Nahrung zu bieten und ihnen als Rückzugs- und Brutplatz zu dienen. Eine Verbuschung sei keineswegs ein idealer Zustand für Vögel oder Reptilien, so die Expertin über ein weit verbreitetes Vorurteil. In der Lage kommen vor allem Zaun- und Mauereidechse sowie die Schlingnatter vor. Entscheidend seien verschiedene Biotopflächen im Wechsel. „Das macht die Qualität und den Artenreichtum eines Gebiets aus.“ Marita Möllenkamp bringt das Verfahren auf den Punkt: das räumliche Mosaik des Hangs soll trotz gezielter Eingriffe und neuem Zuschnitt grundsätzlich erhalten werden.

Die Sanierung der Trockenmauern soll in den kommenden drei Jahren abgeschlossen werden. Für diese Teilmaßnahme werden rund 300 000 Euro veranschlagt. Das freut auch Gerold Hartmann, der in der Lage ökologischen Weinbau betreibt und sich in den vergangenen Jahren auch um den Erhalt der Trockenmauern gekümmert hat – im Rahmen eines gemeinnützigen Projekts, wohl gemerkt.

Für ihn sind die querterrassierten Zwingenberger Hanglagen mit ihrem stützenden Mauerwerk ein prominentes Landschaftsmerkmal, das es wieder freizulegen und zu erhalten gelte. Gerold Hartmann spricht von einem Juwel. Doch trotz der ökologischen und optischen Wertigkeit des „Museumsweinbergs“ sei eine ökonomisch rentable Bewirtschaftung dieses speziellen Bereichs auf Dauer kaum zu stemmen. „Das geht nur mit fleißigen Helfern und kräftiger Unterstützung“, so Hartmann.

Der amtliche Einsatz rund um die Luciberghütte umfasst aber noch weitere Maßnahmen: Auf einer Teilfläche werden Halbtrockenrasen angelegt. Das befestigte Wegenetz wird überarbeitet, der betonierte Pfad am Hang künftig in Teilbereichen anders geführt. Hinzu kommen neue Schotter- und Rasengitterwege, um den Zugang zu erleichtern. Heimische Obstsorten und Blühwiesen ergänzen die Umgestaltung. Laut Jörg Ritter dienen diese Eingriffe nicht zuletzt auch der Attraktivität des Gebiets als Naherholungsraum. Die Schönheit der Landschaft spiele bei der Flurbereinigung keine Nebenrolle. Denn der ursprüngliche Charakter dieses Bereichs ist zunehmend verloren gegangen. „In den letzten hundert Jahren haben wir hier oben rund drei Viertel der Weinbergsfläche verloren“, so Jan Faber. Heuet sind noch zirka zwölf Hektar übrig. Die Verbuschung des Hangs hat in den vergangenen 15 Jahren um ein Drittel zugenommen. Durch die Rodung und Neuordnung soll der Bestand nachhaltig gesichert werden. Verschiedene Zwingenberger Winzer wollen die neu angelegten Flächen übernehmen und bewirtschaften.

Ab Januar ist geplant, einen Teil der alten Rebstöcke professionell zu entfernen und durch neue zu ersetzen. „Auch wegen der Reblaus“, so Marita Möllenkamp. Eine Spezialfirma, die in vielen Anbaugebieten unterwegs ist, übernimmt diesen Job. Im Frühjahr sollen dann die Querterrassen angelegt werden. Jörg Ritter hofft auf genügend Regen, denn ohne ausreichend Feuchtigkeit im Boden sei dies kaum zu bewältigen. Die restlichen Maßnahmen sollen dann sukzessive von 2022 bis 2024 ausgeführt werden.

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