Zwingenberg

Kultur Kabarettist Stefan Reusch begeisterte im ausverkauften Theater Mobile

Nicht die Welt, aber das Jahr 2019 gerettet

Archivartikel

Zwingenberg.Früher war Stefan Reusch als Retter der Welt unterwegs. Auf seinen Rettungseinsätzen vermittelte er dabei stets das Gefühl, dass es irgendwie schon weiter gehen wird hier auf der Erde. Mittlerweile hat der Kabarettist seine Mission (und seinen Optimismus) ein wenig zurückgefahren. Er rettet jetzt nur noch ein Jahr – und zwar stets das vergangene.

Im voll besetzten Theater Mobile nahm sich Reusch jetzt 2019 vor, und hatte damit jede Menge zu tun. Aber es war keineswegs alles schlecht, was im Vorjahr so passierte. Die Brände in Australien? Kein Ding, spielen die Tenniscracks bei der nächsten Auflage der Australien Open eben auf Asche. Das Artensterben? Hat auch Vorteile, im Cabriolet kann man fortan ohne Windschutzscheibe „Arten-los“ durch die Nacht brausen.

Amüsant und kreativ

Immerhin zwei sehr schöne Perspektiven, die der SWR 3-Wochenrückblicker dem Jahr 2019 abpresst. Ansonsten verbreitet Reusch mit seinem 90-minütigen Programm wenig Zuversicht, das tut er wie üblich mit amüsanten und kreativen Gedankengänge, Wortschöpfungen, Buchstabendrehern und Reimen, aber auch mit ernsten Einlassungen.

Er zitiert Dietrich Bonhoeffer, den von den Nazis ermordeten Theologen, der geschrieben hatte, nicht Bosheit sei die größte Gefahr für die Menschen, sondern Dummheit. Apropos (also apropos Reim): Wissenschaft an Trumps Synapsen hat nur eine Chance, kommt sie in Strapsen, formuliert Reusch. Der US-Präsident, mit seinen Wahrheiten aus eigenem Anbau, und Boris Johnson sind für ihn ein Fall von „bei der Geburt getrennt“. Dabei stand Reusch dem britischen Brexit-Premier anfangs durchaus wohlgesinnt gegenüber. „Lasst ihn erstmal in ,den’ Downing Street einziehen“, erinnert sich Reusch an die Arbeitsanleitung von Johnson-Teppich-Schaum. Da heißt es schließlich: „Erst einziehen lassen und dann rausschrubben.“

Die Drecksschleuder Internet

Das Internet, das durchaus gute Seiten hat, ist für ihn eine Hass- und Drecksschleuder sowie Forum für Fake-News. Er listet niederträchtige Kommentare aus dem Netz zur Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübke auf. Er wundert sich über die Einzeltätertheorie, die nach einem rechtextremen Terroranschlag von den Behörden reflexartig verbreitet werde und verweist in diesem Zusammenhang auf die vom Verfassungsschutz registrierte hohe Anzahl von rechtsextremen Gewalttaten und gewaltbereiten Rechtsextremisten.

Über den Verfassungsschutz kommt er auf die AfD, die von den Verfassungsschützern nicht als Prüffall bezeichnet werden darf. „Durchfall kann man sagen, Prüffall aber nicht.“ Mit Carola Rakete und Greta Thunberg findet Reusch, ohne lange nachdenken zu müssen, Frauen, die 2019 durch ihren Mut beeindruckten. Die Suche nach mutigen Männern fällt ihm dagegen wesentlich schwerer. „Da müsste man fast Olaf Scholz nehmen.“ Er amüsiert sich über die Leichtigkeit, mit der der ehemalige österreichische Vize-Kanzler Hans-Christian Strache das Ibiza-Video, dem Reusch den Titel „Wiener Brut I“ verpasst, erklärte: „A bsoffene Gschicht.“ Eine deutsche „besoffene“ Geschichte ist der Schwank um die Autobahn-Gebühren. Die Maut sind wir los - lautlos, konstruiert Reusch den passenden Satz dazu. In einwandfreiem Hessisch erläutert der Limburger am Bespiel des hessischen Herrengedecks, warum trotz Klimawandel Verzicht so schwerfällt: Zum Bier gibt’s Tier.

Was hat Reusch noch auf der Liste bei seinem Rundumschlag? Die SPD und Kevin Kühnert, Ursula von der Leyen, die dreifache T-Gefahr (Terror, Trump, trohende Rechtschreibschwäche), die Bahn (fährt nicht, dafür aber billiger).

Es gibt noch Hoffnung

Bei allen Ängsten und Sorgen hat Stefan Reusch noch Hoffnung, zwar nicht für den blauen Planeten, aber für die Menschheit. Der Astro-Physiker Stephen Hawking hat vorausgesagt, dass die Menschen in 1000 Jahren die Erde verlassen und sich ein neues Zuhause suchen werden. Da 2019 auf dem Planeten K218b Wasservorkommnisse entdeckt worden sind, scheint dieser Exit wohl ohne größere Problem stattfinden zu können. Die 120 Lichtjahre Entfernung von der Erde zu K218b betrachtet Reusch entspannt. „Können die SUVs endlich mal zeigen, was sie draufhaben.“

Die Frage, die sich in diesem Kontext stellt, lautet: Schaffen wir die nächsten 1000 Jahre tatsächlich noch? Nur wenn Stefan Reusch so lange durchhält, um bis zum Start der SUV-Flotte weiterhin jedes verdammte Jahr zu retten. Der Mann wird also noch ewig gebraucht – entsprechend lautstark fiel der Schlussapplaus des Mobile-Publikums aus für den Vortrag des unverzichtbaren Retters.

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