Zwingenberg

Coronavirus Anne Schernich-Röckel und Wolfgang Pudritz wollten mit ihrem Projekt „Erfahrungs-Schätze“ Mut in Krisenzeiten machen, doch die Resonanz blieb aus

Nur ein Rodauer wollte seine Erinnerungen teilen

Archivartikel

Rodau.Nur ein Rodauer hat von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, seine „Erfahrungs-Schätze“ bei dem gleichnamigen Projekt von Anne Schernich-Röckel und Wolfgang Pudritz mit anderen zu teilen. Die beiden Initiatoren aus dem Zwingenberger Stadtteil hatten in der zweiten Aprilhälfte unter dem Motto „Wir helfen einander gesund und zuversichtlich durch diese besondere Zeit“ die „Rorrer“ dazu aufgerufen, persönliche Erinnerungen an schwere Zeiten und an die Erfahrungen, wie sie gemeistert wurden, aufzuschreiben (wir haben berichtet).

Mit einem Lächeln durch die Zeit

Alle „Erfahrungs-Schätze“ sollten anschließend in einem „Extra-Blatt“ der „Rorrer Babbelstubb“ – dem Dachverband der Rodauer Vereine – für alle Haushalte des Dorfes veröffentlicht werden. „So bleiben wir im Austausch, hören einander zu und finden Zuversicht, um gesund und mit einem Lächeln durch diese Zeit zu kommen“, so die Hoffnung des Duos Schernich-Röckel/ Pudritz vor dem Hintergrund der Coronavirus-Pandemie. Zu dieser Veröffentlichung wird es nun in Anbetracht der geringen Resonanz nicht kommen.

An den Erinnerungen des – für diese Veröffentlichung anonymisierten – Rodauers im Alter zwischen 65 und 70 Jahren allerdings, der sich am Projekt „Erfahrungs-Schätze“ beteiligt hat, wollen die Initiatoren die Öffentlichkeit zumindest in Auszügen teilhaben lassen. Sie formulieren:

Vielfältige Lebensweisheiten

„Die Erfahrungen und Lebensweisheiten, die geteilt wurden, sind vielfältig. Sie beziehen sich auf die Lebensbereiche Elternhaus und Schule, die Rolle von Großeltern sowie auf die Bedeutung der Bildung. Thematisiert wurden der Umgang mit Entscheidungen, der Umgang mit schwierigen Menschen und unbequemen Mitarbeitern sowie Erkenntnisse zur aktuellen Lage. Hier einige Zitate des Mannes, der in einem liebevollen Elternhaus groß geworden ist:

,Es geht nicht, gibt’s nicht, wenn’s schwierig wird, wird’s erst interessant’, das ist eine vom Großvater gelernte Lebensweisheit. Zum Umgang mit einem ,mehr als schwierigen Leiter’ lernte der Mann: ,Wenn mir einer ans Bein pinkeln wollte, war es am Besten, so zu tun, als würde man nicht nass. Das half immer.’

Über seine Erfahrungen als Chef schreibt er: ,Auch stellte ich fest, dass unbequeme Bedienstete am interessantesten sind – befasst man sich mit ihnen und setzt sich wertschätzend mit ihnen auseinander, gewinnt man die wertvollsten Mitarbeiter.’

Seinen inneren Kompass beschreibt er so: ,Mein Denken, Fühlen und Handeln überprüfe ich stets, ob es sich im Herzen stimmig anfühlt. Danach richte ich mein Handeln aus.’

Zunächst das Gute betrachten

Zum Abschluss des Beitrags wird der Bezug zur aktuellen Krise hergestellt: ,Ich habe erfahren, dass es leichter ist, im Leben von Allem zunächst das Gute zu betrachten, speziell an der Covid-Pandemie, die uns vor Augen führt, was wir Menschen wirklich zum Leben brauchen, um glücklich zu sein: Familie, Freunde, nette Bekannte, Geld für ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Und die Schönheit unserer Heimat sehen und genießen. Fernreisen oder Kreuzfahrten, wozu? Wo immer wir hinfahren, wir treffen dort nur uns, weil wir uns überall hin mitnehmen.’“

Nur Spekulationen möglich

Die Initiatoren Anne Schernich-Röckel und Wolfgang Pudritz sind berührt sowie dankbar und erfreut über den „intensiven und wertvollen Beitrag“. Es könne nur spekuliert werden, warum nicht mehr Menschen ihre „Erfahrungs-Schätze“ geteilt haben:

„Wir wissen, dass die Aktion zum Anlass genommen wurde, in Familien über alte Zeiten zu sprechen“, so die Organisatoren. Gründe für die fehlende Beteiligung der Ältesten könnten einerseits die Schwierigkeit sein, persönliche Erfahrungen in Worte zu fassen, andererseits, dass tiefgreifende Erfahrungen mit Erinnerungen an traumatische Ereignisse verknüpft sind. „Für den Seelenhaushalt kann es besser sein, solche Erinnerungen im Alter nicht zu berühren. Das respektieren wir.“

Die Aktion richtete sich nicht nur, aber besonders an die älteren Rodauer. Ziel war es, vor allem Jugendlichen und jüngeren Menschen, die so eine Krisensituation noch nie erlebt haben, zu helfen: Dazu hieß es zum Start des Projekts:

„Das normale Leben gerät aus den Fugen, vieles hat man nicht mehr selbst in der Hand, Pläne platzen und die Zukunft ist ungewiss. Auch Sie, die ältere Generation, haben so etwas wie die Corona-Pandemie noch nie erlebt. Aber: Sie haben doch einen ganzen Schatz an Erfahrungen und Weisheiten in Ihrem Leben sammeln dürfen oder müssen. Einen Schatz, den die Jüngeren jetzt vielleicht gut brauchen könnten. Machen Sie also mit und halten Sie Ihre Gedanken fest.“

Alle Haushalte hatten eine entsprechende Information mit Fragen erhalten, die zum Schreiben anregen sollten. Bürgermeister Holger Habich hatte die Aktion finanziell unterstützt. red/mik

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