Zwingenberg

Wegzeichen Angesichts der Coronavirus-Pandemie ist vieles nicht mehr so, wie es einmal war

Öffnung braucht Offenheit

Archivartikel

Derzeit wird viel über Öffnung gesprochen. Wochenlang war den Menschen der Zutritt zu Bereichen verwehrt, die sie eigentlich gewohnt waren, frei betreten zu können. Sprechen wir davon, dass jemandem „die ganze Welt offen steht“, so meinen wir, diese Person hat alle Möglichkeiten. Sind diese begrenzt, so versucht man dann möglichst, sich eine Hintertür offen zu lassen. Niemand will ausgeschlossen sein, eingeengt werden oder etwas verwehrt bekommen.

Das Wort „offen“ entstammt dem altgermanischen Wort „upana“. Es hatte die Bedeutung von „aufwärts gezogen oder gehoben“. Das, was bisher tief verborgen war, kommt plötzlich nach oben ans Licht. Wir sprechen von „offenbaren“, wenn sich etwas zu erkennen gibt. Die Offenheit eines Menschen zeigt dessen aufgeschlossene, ehrliche Wesensart. Manchen steht der Himmel offen, wenn ihre Wünsche und Sehnsüchte in Erfüllung gehen, andere legen ihre Karten auf den Tisch, um anderen die eigenen Pläne offenzulegen. Hintergrundwissen wird veröffentlicht, um es auch anderen zu erschließen. Was sich öffnet, war zuvor verborgen, nicht zugänglich. Hinter der Tür, die sich nun auftut, verbirgt sich vielleicht etwas, das man noch nicht kannte und außerhalb dessen liegt, was der Mensch bisher gewohnt war.

Öffnung bedarf daher der Offenheit. Jeder Raum, den ich betrete, kann anderes sein, als ich erwarte. Und selbst, wenn ich ihn bereits kannte, er kann sich inzwischen verändert haben. Offen zu sein, das bedeutet aufgeschlossen zu sein für alles Neue. Ich bin bereit, die Regelungen und Ordnungen anzunehmen, die mir nun zugänglich sind. Dazu muss ich Augen und Ohren offenhalten und behutsam vorgehen. Menschen erobern sich jedoch gerne Räume und nehmen sie schnell für sich in Beschlag, mit ihren eigenen Regeln und Vorstellungen, anstatt die Möglichkeiten anzunehmen, die sich vielleicht jetzt erst bieten. Es ist besser, Neues behutsam zu betreten, sich erst einmal zurückzunehmen und einzuordnen, bevor ich mit der Tür ins Haus falle.

Vieles, was sich in der aktuellen Pandemie-Situation nun wieder öffnet, wird anderes sein, als gewohnt. Geschäfte, Restaurants und öffentliche Einrichtungen müssen Hygienerichtlinien einhalten, Abstandsregeln berücksichtigen und auch das Verhalten gegenüber Kunden und Gästen den Vorsichtsmaßnahmen anpassen. Gottesdienste, die voll gewohnter Rituale sind, werden ganz anderes sein und zunächst befremden.

Es wird nichts so sein, wie zuvor, auch wenn wir es gerne so hätten und uns möglichst auch in Zukunft keine Wünsche offen gelassen werden sollen. Wer dem Neuen offen gegenübersteht, verschließt sich nicht selbst anderen Zugängen und findet vielleicht ganz neue Möglichkeiten. Es könnte plötzlich bisher nicht Gekanntes offenbar werden und wieder Neues auftun.

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