Zwingenberg

Wirtschaft Ehrenamtlich tätiger Experten-Beirat legte ein fünf Empfehlungen umfassendes Entwicklungskonzept vor

„Premiumstandort“ Zwingenberg setzt auf Klasse, nicht auf Masse

Archivartikel

Zwingenberg.Kommunen, die in Sachen Gewerbegebiete nur über wenige Entwicklungsmöglichkeiten verfügen, die haben – fast zwangsläufig – das Zeug zum „Premiumstandort“. Denn sie tun gut daran, ihre raren Gewerbeflächen nicht zu verschleudern, sondern sie müssen sehr darauf achten, wen sie ansiedeln: Qualität geht vor Quantität.

Zwingenberg mit seinen knapp 5,7 Quadratkilometern Gemarkungsfläche ist so ein Fall: Das älteste Bergstraßenstädtchen wird nie ein Standort für Industrieansiedlungen oder große Dienstleister werden. Ein achtköpfiger Wirtschaftsbeirat nahm auf Initiative der FDP Zwingenberg ein Jahr lang – ehrenamtlich – unter die Lupe und legte in dieser Woche ein Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungskonzept mit fünf Empfehlungen vor, wie das Städtchen das Beste aus seiner Situation machen kann. Die Kernbotschaft lautet: Die hohe Lebensqualität des Gemeinwesens muss erhalten und ausgebaut werden – nur sie ist das Pfund, mit dem gewuchert werden kann.

„Wachstumszähnchen gezogen“

Bei den vier Sitzungen des Wirtschaftsbeirats „sind uns einige Wachstumszähnchen gezogen worden“, machte Personalberaterin Jutta Homberg-Neff, die Sprecherin des Gremiums, bei der Präsentation des Konzepts kein Geheimnis daraus, „dass wir uns anfangs deutlich mehr vorgestellt hatten“. Aber dass Zwingenberg beispielsweise „nie der verlängerte Arm des Internetknotens Frankfurt werden wird“, den Zahn zog Beiratsmitglied Prof. Dr. Peter Buxmann seinen Kollegen recht flott. Der Wirtschaftsinformatiker leitet an der TU Darmstadt ein entsprechendes Innovations- und Gründungszentrum und weiß, wohin es seine Studierenden zieht: Beispielsweise nach Berlin, aber ganz sicher nicht an die Bergstraße.

Die Devise lautet daher: Nicht auf – unter Umständen nur kurzfristige – Gewerbesteuer-Einnahmen spekulieren und dabei Unternehmen nachjagen, die nicht zu Zwingenberg passen, sondern besser denen eine Chance geben, die bereits am Ort ein florierendes Gewerbe betreiben, sich erweitern wollen und deren Mitarbeiter den kommunalen Einkommensteueranteil erhöhen. Solche kleinen- und mittelständischen Unternehmen sollen bevorzugt werden bei der künftigen Vergabe von Flächen. Um dennoch schnell auf externe Neuansiedlungen reagieren beziehungsweise „kreatives Unternehmertum“ gezielt in die „Oase Zwingenberg“ holen zu können, wie es der Bensheimer Unternehmer Jürgen Streit formulierte, empfiehlt der Wirtschaftsbeirat die Bevorra3tung von erschlossenen Gewerbeflächen.

Entspannt vermarkten

Das bindet zwar Finanzmittel der Stadt, weil nicht jede Fläche gleich wieder verkauft wird, bietet aber die Möglichkeit, so sich die Kommune bewusst für diese Strategie entscheidet, „beim Vermarkten entspannt zu bleiben“, so die Zwingenberger Unternehmerin und Stadträtin Sigrid Marquardt-Wendel: „Mir wär es das Allerliebste, wenn sich die Zwingenberger in Zwingenberg entwickeln können – und überdies alle Externen, die zu uns passen.“

Ein wenig arbeiten müssen die Zwingenberger noch an ihrer Willkommenskultur. Reflexhafte politische Aufgeregtheiten angesichts von Begriffen wie „Investor“ oder weil ein interessiertes Unternehmen aus der Chemiebranche stammt, haben in der Vergangenheit bereits abschreckend gewirkt.

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