Zwingenberg

Aufarbeitung Die Bensheimer Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl stellt am Freitag in Seeheim ihre Rechercheergebnisse zum Thema Zwangsarbeiter vor

Schicksalen aus der NS-Zeit ein Gesicht gegeben

Seeheim-Jugenheim.„Wir haben im Rahmen unserer Forschungen mehrere hundert Opfer von nationalsozialistischer Zwangsarbeit in der Gemeinde Seeheim-Jugenheim recherchieren können. Bei einigen davon ist es uns sogar gelungen, eine ganze Reihe von Hintergrundinformationen zu den Zwangsarbeitern selbst herauszufinden. Dadurch ergaben sich uns erstaunliche Einblicke in das Arbeitsleben dieser Menschen, aber auch eine Menge Hinweise, unter welchen Umständen sie in das Deutsche Reich transportiert wurden“, so Rasma Ahmadi, ehemalige Oberstufenschülerin und Mitarbeiterin der Geschichtswerkstatt Geschwister Scholl.

Die Ergebnisse ihrer Forschungen präsentieren die Autorinnen und Autoren gemeinsam mit den Lehrern der Geschwister-Scholl-Schule Bensheim Frank Maus, Franz Josef Schäfer und Peter Ströbel an diesem Freitag, 10. Mai, in Seeheim-Jugenheim. Die Buchpräsentation findet ab 19 Uhr im Haus Hufnagel statt. Alle Interessierten sind hierzu eingeladen.

„Wir wähnen uns manchmal in einem kleinen beschaulichen Mikrokosmos an unserer schönen Bergstraße. Dass sich die unbarmherzige Zeit des Nationalsozialismus jedoch auch mitten in unserer Heimat abgespielt hat, konnten wir im nun abgeschlossenen Forschungsprojekt einmal mehr beleuchten“, erinnert Franz Josef Schäfer, einer der beiden Gründer der Geschichtswerkstatt. Kollege Peter Ströbel ergänzt hierzu: „Auch hier vor Ort mussten Hunderte Menschen gegen ihren Willen unter teilweise schlechten Bedingungen und mit weitgehendem Kontaktverbot zu ihrer Heimat ihre Arbeitskraft einbringen, damit das NS-Regime funktionierte. Die deutschen Männer standen an der Front und in der Heimat musste die Versorgungs- und Kriegswirtschaft am Laufen gehalten werden. Dies geschah auf dem Rücken der Zwangsarbeiter.“

Die Geschichtswerkstatt betont in ihrer Presseerklärung, dass letztlich jedes einzelne Schicksal etwas ganz Besonderes sei und jeder dieser Menschen es Wert sein sollte, dass wir an ihn oder sie denken. „Ganz besonders die Einzelschicksale, die wir beleuchten konnten, zeigen die ganze Tragik jeder betroffenen Person.

Da ist die Ukrainerin Christa, die hier an der Bergstraße als Zwangsarbeiterin gar die Liebe ihres Lebens fand und nach dem Krieg in der Region blieb als Beispiel menschlicher Erfahrungen zu nennen. Dem gegenüber stehen Schicksale, wie das ihrer Landsfrau Nina, welche ohne ihr Wissen von der NS-Propaganda als Werbe-Girl für Arbeit im Deutschen Reich benutzt wurde – ein Umstand, der sie nach dem Rücktransport in die Heimat mit Sicherheit die Rache des kommunistischen Systems hat spüren lassen,“ deutet Frank Maus nur zwei der Individualschicksale an, welche aufgearbeitet wurden.

Luca Hechler, Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt im Zwangsarbeiterprojekt, fasst seine Erfahrungen in folgenden Worten zusammen:

„Am Ende lässt sich sagen, dass sich die Arbeit mit und in der ,Geschichtswerkstatt Geschwister-Scholl’ gleich in mehrfacher Hinsicht gelohnt hat. Natürlich haben wir zum einen viel über die Lebenssituation der Zwangsarbeiter selbst erfahren. Schicksale einer Nina oder eines Leonty wurden urplötzlich lebendig und wir konnten Etappen ihres Leidensweges nachempfinden – ein an sich schon großer Wert an neuem Fachwissen. Doch auf der anderen Seite steht da auch unübersehbar die Kompetenzförderung, die sich uns hierdurch eröffnete. Die Forschungs- und Dokumentationsarbeit in der Geschichtswerkstatt stellte für uns Schüler eine optimale Vorbereitung für ein Studium der Geisteswissenschaften dar. Als Student im nunmehr zweiten Semester spüre ich das jede Woche, wenn ich sehe, wie meine Kommilitonen mit methodischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die wir in der Geschichtswerkstatt bereits erlernt hatten.“ red

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