Zwingenberg

Wegzeichen Gedanken über die Artischocke – Heilpflanze und Delikatesse

Stacheliges mit gutem Herz

Archivartikel

Disteln und Dornen stehen für das Leidvolle im Leben. Anderen zeigen zu können, dass einem das alles nichts anhaben kann, macht stolz und erhebt. Ebenso ist es mit allem, was bitter ist. Wer bereit ist, bittere Medizin zu schlucken, ist tapfer und stärkt seine Lebenskraft.

Eine Pflanze aus dem Mittelmeerraum vereint beides. Und dennoch oder gerade deswegen galt sie als Delikatesse und Frucht für den Adel: die Artischocke. Schon die alten Ägypter wussten um die heilende Wirkung der Distelpflanze und kultivierten sie.

Begehrtes Edelgemüse

Durch die Araber verbreitete sich die Artischocke bis nach England, Italien und Frankreich. Die Reichen und Könige ließen sich das begehrte Edelgemüse munden. Sie wuchs zunächst nur in den Gärten des französischen Landadels. Man hegte die Artischocke als Symbol von Reichtum und gehobener Lebensart.

Als Heilpflanze mit besonderen Bitterstoffen landete die Artischocke vor allem in den Kräutergärten der Klöster. Der Gourmet verpönt alles Harte und Stachelige der Pflanze. Nur die in der „Frucht“ sitzenden Blätter werden gekocht gezupft, in Soße gedippt und das Fruchtfleisch mit den Zähnen abgezogen. Letztlich geht es nur um das zartbittere Herz – für viele ein Gaumenschmaus. So betrachtet, wird alles, was für das Leid steht, missachtet und nur das Gute, das sich vielleicht dahinter verbirgt, genossen.

Bitter, aber auch heilsam

In der Bibel erscheinen Disteln und Dornen immer als Gegensatz zu den Nutzpflanzen. Sie behindern und erschweren das eigene Wirken. Im übertragenen Sinn stehen die Dornen auch für gottlose Menschen und feindliche Völker. Die Artischocke steht dafür, dass auch alles mutmaßlich Bedrohliche etwas Gutes zu haben scheint – gerade auch im „Herzen“. Vielleicht ist es ein wenig bitter; aber auch heilsam, das zu erkennen.

Und, man muss sich manches auf der Zunge zergehen lassen, auch wenn es dem eigenen Geschmacksempfinden nicht entspricht. „Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? (Mt 7,16)“, schränkt bereits Jesus ein. Dem Bedrohlichen zu begegnen, ist eben kein Zuckerschlecken und das Leid hat wohl oder übel meist einen zartbitteren Beigeschmack.

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