Zwingenberg

Forum Heiligenberg Publizistik-Professor Bernd-Peter Arnold informierte und diskutiert zum Thema Meinungsfreiheit

Trotz Nachrichtenflut sind viele wenig informiert

Jugenheim.Ob Meinungsfreiheit und Pressefreiheit ein „Freibrief für alles“ abgebe? „Keineswegs!“ Sehr kategorisch – und gleich zu Beginn – wies der Mainzer Publizistik Professor Bernd-Peter Arnold die Themenfrage des Abends im Jugenheimer Forum Heiligenberg zurück. Gerade weil es auch um das friedliche Zusammenleben der Völker geht, das durch Hasskommunikation auf Internetplattformen und Misstrauen gegenüber Medien gefährdet ist, hatte das Forum Heiligenberg – so sein Vorsitzender Gerd Zboril – diese Frage gestellt. Kein Wunder, dass die letzte Veranstaltung des Bürgerforums im zu Ende gehenden Jahr den Gartensaal des Schlosses gut füllte.

Wie Arnold erläuterte, erlaube der Artikel 5 des Grundgesetzes tatsächlich große Freiheiten, seine Meinung zu sagen, zu publizieren und sich zu informieren. „Allerdings übersehen viele den Absatz 2 des Artikels, der deutliche Schranken setzt durch die geltenden Gesetze unseres Landes.“ Sie müssten nur konsequent angewendet werden. Arnold zeigte sich deshalb sicher, dass das Urteil eines Berliner Gerichtes im Fall übelster Beleidigung der Bundestagsabgeordneten Künast kassiert werden wird. Er verwies sogar auf den gleichfalls wenig zitierten Artikel 18 des Grundgesetzes, der eine „Verwirkung“ des Grundrechts der Meinungs- und Pressefreiheit ermögliche, wenn die Menschenwürde verletzt wird. Zur Sprache kam auch die Forderung des Bundespräsidenten, dass es „an der Zeit“ sei, „dass unsere höchsten Gerichte sich einmal grundlegend dem Gleichgewicht von Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsschutz im digitalen Zeitalter widmen müssen“.

Ausgehend von der hitzigen öffentlichen Debatte über Internet und Presseberichterstattung steuerte der Abend schnell in Richtung, was man von Medien, insbesondere den öffentlich rechtlichen, erwarte. Denn Bernd-Peter Arnold überraschte mit jüngsten Zahlen aus einer Langzeitstudie von ZDF, ARD und Universität Mainz zum Medienkonsum, wonach das Publikum zu jeweils 65 Prozent den klassischen Medien wie Fernsehen und Tageszeitung das höchste Vertrauen schenken. In der Kategorie Nutzungsdauer von und Meinungsbildung durch Medien liege das Internet weit abgeschlagen.

Für Qualitätsjournalismus

Professor Arnold rief zu einem Engagement für Qualitätsjournalismus auf – sowohl in den Medien als auch bei den Nutzern, also bei uns allen. Bildung und Wissenserwerb spiele hier eine große Rolle:

Die Journalisten sollten eine Hochschulausbildung haben, damit sie analytisch denken und verantwortlich ihrer Arbeit nachgehen können; auch die Öffentlichkeit solle sich über die Relevanz von Nachrichten ein Urteil bilden können. Das müsse in den Schulen beginnen. Es sei wichtig, dass in den Medien Nachricht und Kommentar strikt getrennt werden; und bei Interviews sollte der alte Grundsatz wieder befolgt werden, dass der Star eines Interviews der Interviewte und nicht der Interviewer sei. Arnold: „Prüfen Sie mal daraufhin bestimmte Nachrichtensendungen.“

Die Beschleunigung aller Lebensvorgänge in heutiger Zeit habe dazu geführt, dass wir eher mit Nachrichten überfüttert und mit Information unterversorgt seien („Over-newsed and under-informed“). Für das Überleben der Tageszeitungen werde die Hintergrundberichterstattung und das Regionale immer wichtiger.

Eine erfreuliche Diskussion ergab sich mit den zahlreich erschienenen Schülerinnen und Schülern vom Schuldorf Bergstraße. Die Jugendlichen fühlen sich von den Printmedien, von Radio und Fernsehen überhaupt nicht angesprochen. „Was die bieten, darüber können wir nur lachen,“ so ein Schüler. Er informiere sich aus dem Internet. „Seien Sie vorsichtig, dass sie nicht schnell in einer Echokammer landen, wo Sie dank Algorithmen stets ihre Meinung bestätigt finden“, warnte Bernd-Peter Arnold. Wobei er als alter Rundfunkmann (früher Nachrichtenchef des HR) ganz offen einräumte, dass er die Kritik der jungen Leute vollauf teile. „Programme, die von professionellen ‚Berufsjugendlichen’ in den Sendern produziert werden, gehen am tatsächlichen Interesse der Jugend vorbei“. Die Jugend müsse selbst die Gelegenheit erhalten, diejenigen Programme und Beiträge zu produzieren, die sie ernst nähmen. „Nur so geht’s“, meinte Arnold. Er bot den Schülern an, mit ihnen gemeinsam über solche Fragen zu sprechen. red

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