Zwingenberg

Vortrag Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge zeigte den NS-Film „Ich klage an“

Über die subtile Propaganda der Nazis für Euthanasie

Archivartikel

Zwingenberg.Mit dem Film „Ich klage an“ warben die Nationalsozialisten 1941 um die breite Zustimmung der Bevölkerung zur systematischen Ermordung von „lebensunwertem Leben“. Darunter verstanden sie physisch und psychisch Kranke sowie geistig Behinderte. Michael Loth vom Institut für Kino und Filmkultur zeigte in seiner Einführung zu dem Film, zu dessen Präsentation der Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge eingeladen hatte, wie die Nationalsozialisten ihre „Rassenhygiene“ umsetzten:

400 000 Opfer

Auf der einen Seite sollte ein „erbgesunder“ Nachwuchs gefördert werden, gleichzeitig aber der Anteil „Erbkranker“ im „Volkskörper“ verringert oder ausgelöscht werden. Ein Volk aus leistungsstarken, „erbgesunden, nicht kriminellen arischen Menschen“ war das Ziel der „Rassenhygiene“.

Bereits im Juli 1933 erließen die Nationalsozialisten das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Personen mit erheblichen Erbkrankheiten mussten von ihren Ärzten an die Gesundheitsämter gemeldet werden, viele wurden anschließend zwangssterilisiert. Betroffen waren auch sogenannte „Asoziale“, Alkoholiker, Prostituierte und Bettler sowie Sinti und Roma. Heute wird geschätzt, dass etwa 400 000 Menschen Opfer dieser rigiden Maßnahme wurden.

„Guter Tod“

1939 begannen die Nationalsozialisten, Menschen mit körperlicher und geistiger Behinderung zu ermorden, von den Nationalsozialisten euphemistisch als „guter Tod – Euthanasie“ bezeichnet. Eine dauerhafte Versorgung der Behinderten in Heimen wurde als Verschwendung volkswirtschaftlichen Vermögens angesehen – gerade auch im Hinblick auf die geplanten Kriege. Auf Plakaten war zu lesen: „60000 Reichsmark kostet dieser Erbkranke die Volksgemeinschaft auf Lebenszeit – Volksgenosse, das ist auch Dein Geld!“ Im September 1939 mussten behinderte Kleinkinder einem Gutachtergremium in Berlin gemeldet werden, die häufig eine Tötung, den „Gnadentod“, durch Medikamente oder „Vernachlässigung“ empfahlen.

Mit der sogenannten „T4-Aktion“, benannt nach der zuständigen Dienststelle „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ in der Berliner Tiergartenstraße 4, starteten die Verantwortlichen die systematische Ermordung von behinderten und psychisch kranken Erwachsenen. In allen psychiatrischen Anstalten wurden die Krankengeschichten der Patienten in Meldebögen erfasst, die dann von drei Gutachtern „ausgewertet“ wurden. Die zur Tötung bestimmten Patienten wurden in eigens geschaffene „Tötungsanstalten“ transportiert, in denen sie mit Kohlenmonoxid vergast und dann verbrannt wurden.

Fast 300 Behinderte der Heil- und Pflegeanstalt in Heppenheim wurden in der „Tötungsanstalt Hadamar“ ermordet. In der Diskussion im Alten Amtsgericht berichtete ein Teilnehmerin, wie sie in intensiven Recherchen dem Schicksal ihrer Großtante nachgegangen ist, die ebenfalls in Hadamar umgebracht worden war – und die Verwandten damals lapidar informiert worden seien, die Frau sei gestorben, die Familie könnte ihre persönlichen Dinge abholen.

Gegen die zentrale, eigentlich geheim laufende Mordaktion wuchs der Widerstand in der Bevölkerung und auch in den Kirchen. Nach verschiedenen Predigten und dem berühmt gewordenen Hirtenbrief des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen am 3. August 1941 wurde die zentrale „T4-Aktion“ unmittelbar eingestellt. Das Morden ging allerdings weiter: Ab jetzt dezentral in den einzelnen Heil- und Pflegeanstalten durch Essensentzug oder mit Medikamenten. Von 1939 bis 1945 wurden insgesamt etwa 160 000 Behinderte getötet. red

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