Zwingenberg

Erinnerung Eine Veranstaltung des Arbeitskreises Zwingenberger Synagoge / Neue Broschüre wird vorgestellt

Vortrag über das Kriegsende 1945 in Zwingenberg und Umgebung

Archivartikel

Zwingenberg.26./27. März 1945: Deutsche Soldaten wollen im hessischen Ried, an der Bergstraße und im Odenwald die vorrückende US-Armee in einer für die Wehrmacht aussichtslosen Situation aufhalten. Die Amerikaner zerstören mit Bomben und Granaten Gefechtsstellungen und in der Umgebung liegende Häuser. Tiefflieger greifen an. Die Menschen haben große Angst, flüchten, verstecken sich. Einige wollen sich ergeben, werden aber von fanatischen Nationalsozialisten bedroht. Viele Menschen werden getötet und verwundet. Von diesen Geschehnissen werden Fritz Kilthau und Ulrike Jaspers vom Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge am Donnerstag, 26. März, ab 19 Uhr im Saal des Alten Amtsgerichts berichten.

Zunächst wird Kilthau in seinem Bildvortrag den Rheinübergang der US-Amerikaner und die Eroberung einiger Orte im Ried, an der Bergstraße und im Odenwald darstellen. Schwerpunkte sind neben Zwingenberg auch Einhausen, Lorsch, Bensheim und Heppenheim. Die jeweiligen militärischen Situationen kommen ebenso zur Sprache wie die Schrecken dieser letzten Kriegstage mit Toten, Verletzten und Zerstörung der Ortschaften.

Erschütternde Erzählungen

Dazu wird Kilthau auch aus erschütternden Erzählungen von überwiegend jungen Augenzeugen zitieren. So berichtete ein Junge aus Einhausen von der Bombardierung seines Elternhauses: Während er mit seiner Familie im Keller Schutz suchte, schlug eine Bombe ein und zerstörte teilweise den Keller – acht Menschen, darunter Mutter, Großmutter und Bruder, kamen ums Leben.

Von dem gebürtigen Bensheimer und späteren Fuldaer Oberbürgermeister Wolfgang Hamberger gibt es einen Bericht, wie er als Jugendlicher durch das brennende bombardierte Bensheim lief und noch am gleichen Tag mit seiner Familie und anderen Menschen Schutz in dem Marmorbergwerk in Hochstädten suchte. Auch von mutigen Menschen, die mit ihren nicht ungefährlichen Aktionen wie dem Entfernen von Panzersperren zu einem schnellen Ende des Krieges beitrugen, wird in dem Vortrag gesprochen. Zudem wird Kilthau einige Verbrechen, die bei Kriegsende von den Nationalsozialisten in unserer Gegend verübt wurden, dokumentieren.

Bemerkenswerte Zeitdokumente

Im Anschluss an den Bildvortrag wird Ulrike Jaspers Passagen aus einem bemerkenswerten Zeitdokument lesen: Mitglieder der Familie Calvelli-Adorno, die 1943 von Frankfurt nach Zwingenberg gezogen waren, haben Tagebuchaufzeichnungen hinterlassen, in denen sie von ihren Begegnungen mit den Zwingenbergern in den letzten Kriegsjahren berichten und schildern, wie sie das Kriegsende und den Einzug der Amerikaner erlebt haben.

Im März 1945 war der Krieg in unserer Region zu Ende und damit auch die Macht der Nationalsozialisten gebrochen. Kurze Zeit später wurde ganz Deutschland befreit. Damit ging die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu Ende, die politische Gegner und jüdische Bürger verfolgt und ermordet hatten. Die Bilanz des von den Nationalsozialisten ausgelösten Kriegs: Über 60 Millionen Tote, viele zerstörte Städte und Dörfer in Europa, besonders in Osteuropa.

Kein unbelasteter Neubeginn

Auch um den Neubeginn nach 1945 geht es an diesem Abend: Die Amerikaner suchten nach unbelasteten Antifaschisten, die sie beim Aufbau der Verwaltung einsetzen konnten, in sogenannten Spruchkammern wurden nationalsozialistische Funktionäre zur Rechenschaft gezogen. Weitverbreitet war in der Bevölkerung die Einstellung, mit der „dunklen“ NS-Zeit möglichst schnell abzuschließen und „nach vorne“ zu schauen. So war es möglich, dass ehemalige NS-Aktivisten schon bald nach Kriegsende rehabilitiert und oftmals einflussreiche Posten in Politik und Wirtschaft erlangen konnten.

Gegen Verharmlosung

Der Verein Arbeitskreis Zwingenberger Synagoge hat all diese Informationen – auch die Tagebuchaufzeichnungen der Familie Calvelli-Adorno und zusätzlich die Schilderung der Befreiung weiterer Ortschaften wie Bürstadt, Lampertheim, Viernheim, Schwanheim, Lautertal und Gadernheim – in seiner neuen Broschüre „Kriegsende 1945 – Zwingenberg an der Bergstraße und Umgebung“ zusammengestellt (64 Seiten, 15 Abbildungen), die am 26. März vorgestellt wird und erworben werden kann.

Fritz Kilthau, der Autor der Broschüre: „Die Geschehnisse der NS-Zeit sollten – insbesondere der jüngeren Generation – in all ihren Details erzählt werden. Gerade in Zeiten, in denen rechte Kräfte immer stärker bemüht sind, diesen Teil unserer Geschichte zu verharmlosen und zu verdrängen.“

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