Zwingenberg

Das geistliche Wort Gedanken zum Neuen Jahr

Worauf es im Leben ankommt

Archivartikel

„Gesund bleiben, das ist das Wichtigste“. Recht haben sie, die mir auf der Straße oder in kleinen Grußbotschaften zum neuen Jahr etwas Nettes gewünscht haben. Und ich gebe den Wunsch dann gerne zurück. Ab und zu, je nachdem, wer vor mir steht, wünsche ich auch noch „bleiben Sie in diesem Jahr behütet!“ Weil ich annehme, dass es nicht nur auf eigene Vorsicht und Abwehrkräfte ankommt, ob das mit der Gesundheit klappt.

Die Angst, krank zu werden oder alleine und hilflos dazustehen, wenn es drauf aufkommt, wird vielleicht nur von einer dritten Grundangst im Leben getoppt: Jemand anderes hat recht und ich nicht. (Das scheint die Gründung der mittelalterlichen Universitäten mit den Fächern Medizin, Theologie und Jura nahezulegen)

Diese Angst hat vor einigen Jahren jemand dazu verleitet, anstatt von „Lügen“ lieber von „alternativen Fakten“ zu sprechen. Toll für mein Selbstbewusstsein: Auch mit dem größten Blödsinn habe ich recht. Zumindest in meiner eigenen kleinen Welt. Aber mir fehlt dann auch jede Grundlage für eine fruchtbare Diskussion. Ich denke auch an die politischen Ereignisse vom Heiligen Abend. Die EU und das Vereinigte Königreich sind jeweils als Verhandlungssieger des Brexit-Deals vor die Kameras getreten. Und haben den Zuhörerinnen damit gesagt: Ihr steht auf der richtigen Seite der Weltgeschichte. Vor allem in einer Zeit, in der weder Europäer noch Briten viele Gründe zum Stolzsein haben, war das ein besänftigender Jahresabschluss.

Bei so viel Betonung der eigenen Rechtschaffenheit stelle ich mir die Frage, ob der Dichter Eugen Roth (1895-1976) dazu heute noch einmal schreiben würde: „Ein Mensch wollt immer recht behalten. So kams vom Haar- zum Schädelspalten.“

Wie unangenehm Rechthaberinnen und Rechthaber sind, hat Jesus in seinen Streitgesprächen oft erlebt. Er erzählt ihnen und anderen ein Gleichnis von Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20, ein Bild für das Arbeiten für Gottes Schöpfung und seinen Willen). Alle bekommen am Abend denselben Lohn, egal, wie lange sie in der Sonne gearbeitet haben. Und wer sich darüber beschwert, ob mit Mathematik oder anderen guten Argumenten, habe, so der Weinbergbesitzer, die Logik dieser Arbeit wohl nicht verstanden.

Gott hört nicht auf Protest

Ich lerne aus dieser Geschichte: Gott hört nicht auf Protest und auf Rufe nach „Gerechtigkeit“. Er lässt sich auch nicht auf Demonstrationen für eine „gerechte Sache“ einspannen (wobei ich nicht ausschließe, dass er das Engagement für eine bessere Welt gutheißt). Ich denke, Gottes Agenda ist nicht für jeden logisch und vernünftig. Für manche kann sie das Gegenteil sein.

Für mein tägliches Leben ist dieses Nachdenken aber vielleicht von größter Bedeutung: Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich und Ihre Überzeugungen immer wieder in Frage stellen lassen. Vom oben beschriebenen unwissenschaftlichen Blödsinn vielleicht nicht gerade, aber vielleicht von der Frage: „Was wäre, wenn ich nicht recht hätte?“ Ich bin davon überzeugt, dass mich diese Frage zu einem besseren Gesprächspartner machen kann. Und dass unsere Gesellschaft in diesem Jahr viele gute Gespräche braucht.

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