Bruhrainer Zeitung

Schatzsuche Nach 166 Jahren holt eine Mainzer Projektagentur im Oktober die älteste Eisenbahn Deutschlands vom Grund

Lok wird aus Rhein geborgen

Mainz/Germersheim.Es ist eine Location der besonderen Art, passend zur Thematik des ebenfalls besonderen Projekts: Das Innere eines Schiffes, dessen Standort den Teilnehmern der gestrigen Pressekonferenz im Voraus nur durch seine Koordinaten am Rheinufer Mainz genannt wurde – „die erste Aufgabe unserer Schatzsuche ist also erfüllt“, sagt Tobias Bartenbach, CEO der Projektagentur Bartenbach AG Mainz und Leiter des Projekts „Jäger der versunkenen Lok“ zu Beginn lachend.

Der leicht wacklige Untergrund mitten auf dem Rhein der rheinland-pfälzischen Hauptstadt wurde vermutlich gewählt, da ebendieser Fluss zugleich Fundort und Namensgeber der ältesten Dampflok Deutschlands „Der Rhein“ ist, die vor 166 Jahren versank und nun aus ihrem nassen Grab geborgen werden soll. „Das Erleben heute ist auf eigene Gefahr“, erinnert Bartenbach und bedankt sich bei dem Besitzer der „Cassian Carl“, Karl Strack, der das Eventschiff passend zur Veranstaltung zur Verfügung stellte.

Passend zu den räumlichen Gegebenheiten dürfen die Teilnehmer der Pressekonferenz mit einem kurzen Einspielers zu Beginn in die Geschichte eintauchen – 166 Jahre ist es her, dass die Lok im Rhein versank. Um zu veranschaulichen, Teil welcher Epoche das Jahr 1852 ist, werden einige historische Eckdaten genannt, unter anderem fallen die Namen Napoleon und Lincoln.

15 Suchexpeditionen erfolglos

Suchexpeditionen gab es schon kurz nach dem Unglück, doch die Lok liegt so tief im Kiesbett versunken und somit nicht sichtbar für Taucher, dass insgesamt 15 Suchexpeditionen zu Wasser und zu Land erfolglos blieben. Niemand rechnete mehr damit, dass die Lok noch gefunden würde. Doch einen packte das Geheimnis um die versunkene Lok und ließ ihn nicht mehr los: Horst Müller, heute pensionierter Lokführer und entscheidender Antreiber der Schatzsuche, hörte von der Geschichte erstmals als Schüler und Eisenbahnfan in den 60er Jahren und suchte als Erwachsener das Speyrer Archiv auf, wo er die entscheidenden Dokumente fand. Er holte einen professionellen Sucher – im wahrsten Sinne des Wortes – mit ins Boot: Geophysiker und Professor an der Technischen Universität Freiberg, Professor Bernhard Forkmann.

Mit hochtechnischen Messgeräten und Müllers mittlerweile dritter entwickelter Schatzkarte fanden sie etwa 50 Meter vom Flussufer von Rheinsheim bei Germersheim siebeneinhalb Meter unter der Oberfläche einen sogenannten magnetischen Fußabdruck. „Wir sind nach dem Ausschlussverfahren vorgegangen: es konnte kein Körper eines Panzers oder Flugzeugs sein. Am Ende kam nur noch ein etwa 20 Tonnen schwerer Eisenbahnkörper infrage“, so Forkmann. „Der Fund war spektakulär, auch wenn die Schatzsuche auf dem Wasser alles andere als angenehm war.“ Ebenfalls zum „Schatzsucher-Team“ gehört der Leiter der Museumsbahnwelt Darmstadt-Kranichstein, Uwe Breitmeier, welcher über die abenteuerliche Expedition sogar das Buch „Die Lok im Rhein“ schrieb.

Die Suche nach dieser Lok ist eine nationale Jagd quer durch den Südwesten. Von einem Konstrukteur aus Baden-Baden in Karlsruhe gebaut fiel sie während des Transports nach Mainz 1852 bei Germersheim am Rhein vom Schiff und versank. Es handelt sich somit um eine Lok, die noch nie ein lebender Mensch zu Gesicht bekommen hat und zugleich um ein wichtiges Industriegut – „ein Denkmal der deutschen Technikgeschichte“, so SWR-Redakteur Mario Schmiedicke. Neben dem Intendanten des Südwestrundfunks, Peter Boudgoust, und Simone Schelberg von der Landessenderdirektion Rheinland-Pfalz gehört Schmiedicke als der selbsternannte „Mr. Lok“ zu den „Geschichtenerzählern“ der Schatzsuche.

Alle drei zeigen sich begeistert: „Diese irre Idee hat uns so in den Bann gezogen, dass wir schon jetzt ein zehn Stunden Programm über das Projekt geplant haben“, erzählt Schelberg. Auf die nächsten Monate verteilt will der SWR die Geschichte multimedial erzählen, los geht es schon am morgigen Samstag, 14. April, um 15.45 Uhr mit dem Eisenbahnromantik-Extra „Als ,der Rhein‘ in den Rhein fiel“. Schon über kleine Erfolge und größere Misserfolge vor 25 Jahren wurde berichtet, die Geschichte endet nun mit der Bergung als finalem Höhepunkt am 21. Oktober dieses Jahres, welcher live gesendet werden soll. „Übrig bleibt eine einzige Frage: Kommt bei der Bergung am Haken dann wirklich die Lok hoch?“, so Schelberg. Den ungewissen Ausgang dieser Schatzsuche können Interessierte im Fernsehen, im Hörfunk und interaktiv im Netz live begleiten. Betreiber der Hafen- und Flußbau GmbH, Wolfhard Neu, führt die Bergung bei laufendem Schiffverkehr im Oktober durch. „Zur Abwechslung bauen wir mal nichts Neues, sondern holen etwas Altes aus dem Rhein“, so Neu. Vor Ort werden viele Helfer, unter anderem die Wasserschutzpolizei, mit anpacken, da der Fundort nur vom Wasser aus erreichbar ist. „Es handelt sich um eine länder- beziehungsweise rheinübergreifende Geschichte, da die Lok aber in Rheinland-Pfalz versunken ist und dort geborgen wird, gehört sie dem Land Rheinland-Pfalz“, erklärt Bartenbach. Vom Zustand der Lok ist abhängig, wo sie anschließend aufbewahrt wird.

500 000 Euro Kosten

Zu den zahlreichen Unterstützern des Projekts gehört die Sparda-Bank Südwest, deren Vertreter die Geschichte der Lok auch unmittelbar mit der Entstehung ihrer Bank als ehemalige Eisenbahn-Spar- und Darlehenskasse in Verbindung bringen. Die finanzielle Schätzung für das gesamte Projekt beträgt etwa 500 000 Euro. „Wir haben bisher etwa ein Fünftel davon zusammen und sind auf weitere Spenden angewiesen“, betont Bartenbach. Dazu wurde die zentrale Plattform www.lok-jaeger.de ins Leben gerufen und ein Crowdfunding-Projekt gestartet, damit jeder dabei helfen kann, einen unvergessenen Zeitzeugen aus seinem 166-jährigen Dornröschenschlaf zu holen.

Info: Weitere Bilder unter www.bruhrainer-zeitung.de

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