Bruhrainer Zeitung

"Zu wenig Informationen zur Geothermie"

Archivartikel

Sie soll nicht auf das Wetter angewiesen und unerschöpflich sein: Erdwärme. So werben zumindest die Macher. Kritiker wiederum halten sie für unberechenbar. Die Firma Deutsche Erdwärme will in den nächsten Jahren entlang des Oberrheins acht bis elf Geothermieanlagen realisieren, so etwa in Graben-Neudorf, in Karlsruhe-Neureut und im Gebiet Waghäusel/Philippsburg. Die Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe sieht dabei Risiken und hat der Deutschen Erdwärme Fragen gestellt. 

Sie haben vor knapp drei Wochen einen Fragenkatalog an die Deutsche Erdwärme geschickt. Gab es bis dato bereits eine Reaktion? Was sagen Sie dazu?

Jens Linowski: Ein umfassender Fragenkatalog der IG, welcher insgesamt 46 Fragen umfasst, ging per Mail am 24. Januar an Roman Link, die Deutsche Erdwärme, den Nabu, den BUND, sowie die Rathäuser und Bürgermeister der Städte Philippsburg, Graben-Neudorf, Hambrücken, Oberhausen-Rheinhausen und Waghäusel. Zeitgleich hat die IG den Fragenkatalog über Facebook den Lesern zugänglich gemacht. Binnen einer Woche reagierte Link und schrieb am 30. Januar eine Mail. Diese genügte allerdings in keiner Weise den formalen Ansprüchen an einen offiziellen Schriftverkehr. Inhaltlich lässt sich aus dem 16-zeiligen Schreiben lediglich ein Bezug zu Frage 46 herstellen, die Link mit den Ankündigungen für „Informationsstände und Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe eine Bürgerinformationsveranstaltung … unserer neuen Internetseite … persönliche Gespräche…“ als ausreichend beantwortet erachtet. Auf die Fragen 1-45 erhielt die IG keine Antwort. Am 7. Februar wandte sich die IG erneut an Link und die „Deutsche Erdwärme“. Die IG hat in ihrem erneuten Schreiben nachdrücklich darauf verwiesen, dass sie Floskeln und pauschalisierte Phrasen nicht als wertschätzende Antwort auf einen sorgfältig recherchierten Fragenkatalog akzeptiert. Dieses Anschreiben wurde über Facebook ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Regierungspräsidium in Freiburg veröffentlich zum Thema „Tiefengeothermie“ ebenfalls die Aussage, dass ihnen als Genehmigungsbehörde „…eine frühzeitige Information der Öffentlichkeit über die Durchführung und Auswirkungen der Vorhaben ein wichtiges Anliegen (sei).“ Über entsprechende Aktionen des dort benannten Ansprechpartners, Herrn Rupert Thienel, liegen der IG keine Informationen vor.

Wie setzt sich die IG zusammen? Wie viele Bürger unterstützen Ihre Initiative konkret? Gab und gibt es persönliche Treffen oder kommunizieren Sie über andere Kanäle, beispielsweise soziale Medien?

Linowski: Ein Störfall in einer Tiefengeothermie-Anlage würde für alle Bewohner in dem betreffenden Einzugsgebiet nicht nur eine Bedrohung durch materielle Schäden darstellen, sondern vielmehr eine Gefahr ihrer körperlichen Unversehrtheit. Dabei machen Seismizität, Isopentan, Radioaktivität und Lärm keinen Unterschied zwischen dem „einfachen“ Schichtarbeiter der SEW und der SAP-IT-Security-Expertin. Dies spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der IG und ihren Unterstützern wider. Seit Dezember 2019 gab es drei Treffen, bei denen jeweils zwischen 10 und 15 Unterstützer anwesend waren. Zu Beginn vernetzte sich die IG mit Anderen, bereits schon lange aktiven Initiativen. Auch Treffen fanden statt, um von den dort bereits vorliegenden Informationen zu profitieren und Wissen zur Thematik zu generieren. Nachfolgend wurden Themen abgesprochen, die daraufhin von kleineren Teams weiterbearbeitet werden. Aber auch zwischen den einzelnen Treffen finden Abstimmungen zwischen den Unterstützern statt und es werden weitere Aktionen geplant. Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe Die IG ist untereinander multimedial vernetzt. Die Beiträge der IG auf Facebook erreichen inzwischen fast bis zu 3300 Personen - wobei über 1.150 Interaktionen erfolgen. Die Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe wird durch andere Interessengemeinschaften und Bürgerinitiativen (BI) unterstützt. Zu erwähnen sind in diesem Kontext vor allem die „BI Geothermie-Landau“, die „BI gegen Tiefe Geothermie am Oberrheingraben“ sowie die „Bürgerinitiative Brühl Ketsch e.V.“. Aktuell hat sich gerade die „BI Tiefengeothermie Biene e.V.“ aus Tengling mit der Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe vernetzt. Über das entstehende Netzwerk können Informationen und Erfahrungen ausgetauscht werden, was große Vorteile bei der Arbeit für die Bürger mit sich bringt. Die IG sieht die große Gefahr genau in dem Punkt, dass die Projekte der Deutschen Erdwärme medial nicht präsent sind.

Laut Herbert Pohl von der Deutschen Erdwärme habe diese in Waghäusel Info-Gespräche geführt und auch im Gemeinderat Rede und Antwort gestanden. Welche Eindrücke haben Sie selbst oder Mitglieder der IG dabei gesammelt?

Linowski: Der IG sind weder Bürger noch Mitglieder des Gemeinrates bekannt, die ein Informationsgespräch mit der Deutschen Erdwärme oder Link geführt haben. Im Oktober 2019 fand ein Informationsabend statt, an welchem etwa 50 Bürger teilnahmen. Dieser Informationsabend wurde nach Ermessen der IG sehr schlecht beworben. Von etwa 21.600 Einwohnern der Stadt Waghäusel haben damit maximal 0,27 Prozent der Bevölkerung mit ihrem Erscheinen ein Interesse an der Tiefengeothermie zum Ausdruck gebracht. Wie der Gemeinderat in Waghäusel bisher zum Thema informiert wurde, ist der IG nicht bekannt. Leider finden sich auch keinerlei Dokumente im Informationssystem des Gemeinderates aus 2015, als die Fläche für Geothermie im „Flächennutzungsplan 2025“ festgelegt wurde. Zwischenzeitlich bot das Rathaus den „Waldwichteln St. Leon-Rot“ einen Standort in direkter Nachbarschaft zur Geothermie Fläche an. Einer schwedischen Studie zufolge sind „…die Waldkinder deutlich gesünder, haben eine bessere Motorik und Konzentration und sind fantasiereicher als die Kinder im normalen Kindergarten.“ (Grahn, Mårtensson, Lindblad, Nilsson & Ekman, 1997) Vor dem Hintergrund der zahlreichen Risiken und Gefahren, die eine Tiefengeothermie-Anlage nach Ermessen der IG birgt, kommt die „natürliche Lernsituation im Wald“ einer Contradictio in adiecto gleich.

Pohl kündigte auch Bürgerinfoabende und Gespräche auf dem Frühlingsmarkt in Graben-Neudorf an. Werden Sie diese nutzen, oder verlassen Sie sich lieber auf direkte schriftliche Antworten auf Ihren Fragenkatalog?

Linowski: Der Deutschen Erdwärme geht es unseres Erachtens um die Deutungshoheit im Kontext „Tiefengeothermie“ und die Möglichkeit, öffentliche Räume mit eigenen Themen zu besetzen. Dies entspricht, wie die geplanten beziehungsweise durchgeführten  Informationsmaßnahmen wie „Hauswurfsendungen, Informationsstände und Anzeigen“ weniger einer „Diskussion auf Augenhöhe“ als vielmehr einem geschickt inszenierten politisch-ökologischen Mimikry. Eine Informationsveranstaltung zu dem Thema „Tiefengeothermie“ im Kontext eines Frühlingsfestes fügt sich nahtlos in dieses Szenario ein. Stellen Sie sich einen Familienvater vor, der mit einem Glas Weinschorle in der einen und einem Kleinkind an der anderen Hand, untermalt von fröhlicher Volksmusik und begleitet vom Jauchzer der Kinder auf den Karussells die sicherheitstechnische Ausstattung einer Geothermie Anlage für den Fall eines Terroranschlages diskutiert. Dieses Bild trägt fast groteske Züge. Die IG fragt an dieser Stelle, aus welchem Grund die Deutsche Erdwärme zögert, eine sachliche öffentliche Diskussion in einem inhaltlich angemessenen Rahmen anzubieten.

Auch der Bürgermeister von Graben-Neudorf unterstützt inzwischen die Forderung nach Transparenz und fordert die Deutsche Erdwärme und das Landesamt für Geologie etc. zum Dialog auf. Gibt es vonseiten der Kommunal- oder Regionalpolitik weitere Unterstützer oder hält man sich eher bedeckt?

Linowski: Die IG begrüßt die Initiative des Bürgermeister Eheim aus Graben-Neudorf. Herr Eheim setzt sich für die Information der Bürger ein, auch wenn er selbst wohl sieht, dass er kaum noch Eingriffsmöglichkeiten hat. Interessengemeinschaft Tiefengeothermie im Landkreis Karlsruhe in Waghäusel lässt ein solches Interesse leider noch immer auf sich warten. Hier hält man sich quer durch die Parteien eher bedeckt. Es gibt vereinzelte Gemeinderäte, die uns Unterstützung zugesagt haben. Allerdings begrüßen einige Gemeinderäte auch offiziell die Planungen der Geothermie. Die Öffentlichkeitsarbeit in Waghäusel erstreckt sich auf einen Informationsstand auf dem Herbstmarkt und eine Informationsveranstaltung. „Informationen“ beinhalten in der Informationstheorie grundsätzlich einen Absender und einen Empfänger, zwischen denen ein Wissen über Informationskanäle ausgetauscht wird. Dieser Austausch soll zu einem Wissen-Zuwachs auf Seiten des Empfängers führen. Die IG fordert die Deutsche Erdwärme auf, ihrer Rolle als „Absender von Informationen“ gerecht zu werden. Dafür sollte sie den Bürgern transparent machen können, wie die Realisierung einer tiefengeothermischen Energieversorgung einerseits technischen sowie ökologischen Kriterien genügt und andererseits auch soziale und ethische Kriterien erfüllt, um als nachhaltig und generationenübergreifend verteilungsgerecht gelten zu können. Bürger, die ihre Ersparnisse in Immobilien investiert haben, um ihren Traum einer Familie im Eigenheim zu realisieren, fordern Antworten auf die Fragen nach Deckungssummen, Lärmemissionen oder Störfallverordnungen. Ein Luftballon mit dem Aufdruck der Deutschen Erdwärme und ein paar Kugelschreiber sind an dieser Stelle nach dem Ermessen der IG kein ausreichender Informationskanal.